Der Schüler ist der natürliche Feind des Lehrers. Das jedenfalls meint Josef Blau, ein Getriebener seines eigenen Wahns. Das Betreten der Klasse treibt ihm Schweißperlen auf die Stirn und der Unterricht verursacht ihm Angstzustände. Ungars parabelhafter Roman demonstriert am Beispiel eines paranoiden Lehrers, was die Idee totaler Zucht und Ordnung aus freien Individuen macht: Nur mit Strenge meint Josef Blau dem drohenden Anarchismus der Klasse Einhalt gebieten zu können. Was für die Schule gilt, gilt für die ganze Gesellschaft, und so gebärdet sich der Schreckenspauker auch in seinem Privatleben als Tyrann.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2012
Für Martin Meyer ist Hermann Ungars 1927 entstandener Roman "Die Klasse" über einen autoritären Lehrer, der am vermeintlichen Aufbegehren seiner 14-jährigen Schüler irre zu werden droht, "epochal". Auf der Grenze zwischen wilhelminischer Zucht und Ordnung und Nietzscheanischem Menschentum-Pathos werden die Mechanismen und Grenzen der autoritären Unterdrückung ausgelotet, so der Rezensent. Vorlagen für die Ausgangslage gab es zu der Zeit bereits einige, von Heinrich Manns "Untertan" bis zu Freunds Psychoanalyse, Ungar allerdings gehe sein Thema eher metaphysisch und existentiell an, meint Meyer. Besonders packend, nicht zuletzt in der an Grosz oder Dix erinnernden Drastik, sieht der Rezensent die Szenen beim Lehrer zuhause geschildert, dessen Paranoia sich bis in seine intimen Beziehungen hineinzieht, wie Meyer feststellt. Er lobt den "souveränen Rhythmus", mit dem der Autor sein sich zügig auf die Katastrophe zubewegendes Szenario entfaltet, und ist lediglich vom unvermittelten glücklichen, erlösenden Ende der Schreckensgeschichte etwas befremdet. Ohne es zu wissen habe der 1928 verstorbene Autor in seinem Roman etwas zu fassen gekriegt, was mehr ist als die Verirrungen eines Lehrers und was sich schon kurze Zeit später in der Politik unheilvoll Bahn brach, so Meyer beeindruckt.
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