Die Sechziger sind gerade angebrochen, als Annemarie mit ihren Eltern auf "Pfaffs Hof" zieht, gelegen in einem kleinen katholisch geprägten Ort am Niederrhein. In den Ecken des dunklen, baufälligen Gebäudes sammeln sich Staub, Enttäuschung und trotzige Stille. Die Stille heißt Peter, wie Annemaries älterer Bruder, der gehen musste, weil er zu viele Fragen über den Krieg stellte. Das hat die Mutter dem Vater nicht verziehen. Annemarie auch nicht so richtig, deswegen sagt sie dem Vater auch nichts von Mutter und den Männern hinter der Spülküchentür.
Während die Eltern die Fassade einer normalen Kindheit aufrechtzuerhalten versuchen - mit Ausflügen in den Märchenwald und bunten Tüten zum Nikolaustag -, flüchtet Annemarie in ihre Bücher und liest sich nach Bullerbü. Zwischen Mutters Klagen und Vaters Schweigen träumt sie davon, eine Studentin zu sein, die alles weiß und Herrenarmbanduhren trägt wie Astrid Lindgren. Stattdessen bekommt sie erst einmal Perlonstrumpfhosen und eine Barbiepuppe. Doch die Zeichen der Zeit stehen auf Umbruch und Annemarie ist fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen …
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.06.2018
Literatur über die Nachkriegszeit, auch über die späte, gibt es en masse, nicht jedoch solche wie Hiltrud Leenders Roman "Pfaffs Hof", versichert Rezensent Norbert Mappes-Niedek. Die 1955 geborene Autorin ist von Hause aus Lyrikern und das merkt Mappes-Niedek ihrem Roman an. Spannung wird darin nicht durch einen ausgefeilten Plot erzeugt, sondern weitgehend durch Sprache, erklärt er, eine Sprache aus vergangener Zeit. Außerdem ist es eine Sprache, die das Schweigen und den Stillstand, die Ereignislosigkeit in den Mittelpunkt stellt, denn damals, nach 45 und vor 68 "war schon alles passiert" und jedes "Ereignis eine Drohung", lesen wir. Leenders macht diese Art von Normalität sprachlich, atmosphärisch erlebbar und findet darüber hinaus einen großartigen Schluss, eine Revolte gegen die alles durchdringende Passivität , so der begeisterte Rezensent.
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