Aus dem Französischen von Till Bardoux. Was bedeutet es für das Selbstverständnis der Malerei, als sich im 19. Jahrhundert die Photographie in das Feld der Bildtechniken drängt? Wie gelingt es der Photographie, eine Kunst mit jahrhundertealten Traditionen derart in Zugzwang zu bringen, daß diese fortan unter permanentem Rechtfertigungsdruck steht? Den Generalbaß des jüngsten Buches von Hubert Damisch bilden die Tagebücher von Eugene Delacroix: einer der größten Koloristen seiner Zeit und einer der Maler, die sich am intensivsten mit der Photographie im Augenblick ihrer Entstehung auseinandersetzten. Als Instrument für die eigene Praxis uneingeschränkt begrüßt, als Stütze für das flüchtige Gedächtnis mit großen Hoffnungen bedacht, für die Selbstinszenierung dankbar in Dienst genommen, bleibt die Photographie jedoch hinsichtlich eines künstlerischen Eigenwertes stets Objekt der Geringschätzung. Und wenn, in der Epoche, in der Delacroix malte und schrieb, es nun die Malerei selbst gewesen wäre, die das Gedächtnis verloren hätte? Das Tagebuch gewinnt in dieser Frage eine Schlüsselfunktion. Entlang der Tagebuchausschnitte, die Damisch seinem eigenen Text an die Seite stellt, ist hier der bedeutende Autor und Kunsttheoretiker Eugene Delacroix neu zu entdecken.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2006
Lobende Worte findet Christine Tauber für diesen beflügelten Essay über Eugene Delacroix (1798-1863) und dessen Verhältnis zu Malerei und Fotografie, den Hubert Damisch verfasst hat. Schlüssel der am Leitfaden der Tagebücher von Delacroix geführten Überlegungen ist für die Rezensentin die Kategorie der Erinnerung, mit der sich der Künstler zeitlebens eingehend befasste. Die Unfähigkeit, sich präzise an Sinneseindrücke zu erinnern, betrachtet sie als eines der zentralen Themen der Tagebuchaufzeichnungen von Delacroix. Anregend erscheinen ihr die Ausführungen über das Verhältnis des Malers zum neuen Medium der Erinnerungsfixierung schlechthin, der Fotografie. Sie unterstreicht, dass Delacroix die Fotografie als Gedächtnishilfe und als Selbstkorrektiv schätzte. Die These des Autors, die Malerei habe im neunzehnten Jahrhundert selbstverschuldet das Gedächtnis verloren und sich damit dem Erinnerungsmedium Fotografie schutzlos ausgeliefert, erschließt sich nach Ansicht Taubers dem Leser "argumentativ" allerdings nicht. Sie bleibe "ein geistreiches Apercu".
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