Studieren im Ausland: humanitäre Krisen, Solidarität und die Formierung eines globalen Handlungsfelds. Studieren im Ausland ist heute scheinbar normal. Die meisten Programme versehen dies dabei mit dem Auftrag, internationale Verständigung zu fördern. Isabella Löhr analysiert, wie diese Verbindung von Bildungsmobilität und Verständigung im Verlauf des Ersten Weltkriegs entstand. Die Europäische Studentenhilfe war eine aus der studentischen Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts kommende humanitäre Organisation, die ab 1920 in den Universitätsstädten im östlichen Europa tätig wurde. Sie verband Bildungsmobilität mit humanitärer Hilfe und transformierte studentische Mobilität in ein gesellschaftspolitisches Sujet, das innerhalb weniger Jahre zu einem Gegenstand bildungspolitischer Interventionen auf globaler Ebene aufrückte. Die humanitäre Sorge für Studierende diente nach dem Krieg als Modell für eine Verständigungspolitik, die ein Denken in Kategorien von Nation, Minderheiten und Rasse/race als großes Problem der Zeit ansah und das Ideal einer globalen studentischen Gemeinschaft als Lösung propagierte. Ein wesentliches Element der modernen Universitätsausbildung - Mobilität für den Wissenserwerb - wurde damit von religiösen und humanitären Handlungslogiken und Weltsichten geprägt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2022
Rezensent Jürgen Osterhammel hätte sich eine etwas lebendigere Darstellung akademischer Mobilität gewünscht. Isabella Löhrs Buch als Ableger einer Habilschrift macht Osterhammel dagegen das Leben schwer mit Ausführungen zum Forschungsstand. Dennoch hält der Band für den Rezensenten aber interessante Einsichten bereit. In die Ursprünge gelehrter Austausch- und Reisetätigkeit vor dem ersten Weltkrieg, die Zusammenhänge zwischen "Bildungstourismus", Wirtschaft und Kommunikation sowie die Anwerbungsversuche christlicher Organisationen. Dass Akademiker bald wieder fröhlich reisen dürfen, kann der Rezensent nur hoffen.
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