Aus dem Englischen von
Michael Bischof. Nach 1989 waren Landkarten plötzlich nicht länger in Mode. Die Grenzen sollten geöffnet werden für Menschen, Güter, Kapital und Ideen. An die Stelle der alten Karten traten Graphiken, welche die ökonomische Verflechtung innerhalb der EU illustrierten. Heute erleben wir einen ideologischen Gezeitenwechsel: Wo die Mehrheit der Europäer noch vor einigen Jahren optimistisch auf die Globalisierung blickte, empfinden sie Migration und die Rückkehr der Geopolitik als Quelle der Unsicherheit. Ivan Krastev untersucht die Ursachen für diesen Wandel und erörtert, welche Formen die europäische Desintegration annehmen könnte. Ein Zerfall der EU, so Krastev, wäre eine Tragödie, die den Kontinent zu internationaler Bedeutungslosigkeit verurteilen würde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2017
Der hier rezensierende Historiker Marian Nebelin nimmt Ivan Krastevs laut Rezensentin vor allem für ein amerikanisches Publikum verfasstes Buch als "Augenblicksdokument" wahr. Bleibenden politischen Wert, meint er, besitzt es nicht. Wenn der Autor die Flüchtlingskrise als vorherrschendes Krisenmoment darstellt, vergisst er die Rolle früher einsetzender autoritärer und rechtstaatsfeindlicher Entwicklungen wie derjenigen in Ungarn, meint Nebelin. Die Krisendeutung des Autors lässt den Rezensenten unbefriedigt zurück.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.08.2017
Rezensent Gustav Seibt erkennt in Ivan Krastevs kleinem Buch und seiner osteuropäischen Perspektive einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung zwischen Ost und West. Krastevs These, wonach die Flüchtlingskrise alles dauerhaft verändert und die EU, Europa und seine Gesellschaften spaltet, indem sie sie mit der Ungleichheit zwischen den Völkern konfrontiert, kann er gut nachvollziehen. Wenn der Autor seine These ausweitet zur Annahme eines grassierenden Zweifels an Werten wie Offenheit, Vielfalt, Individualismus, staunt Seibt über den antithetischen Drive des Autors, der ihm die neueren "Strukturbrüche" sichtbar macht.
Hymnisch bespricht Rezensentin Elisabeth von Thadden diesen Essay des bulgarischen Intellektuellen Ivan Krastev, der für sie wie kaum ein anderer stilistische Brillanz, Liebe zur Literatur, politische Illusionslosigkeit und "Schönheit der Gedanken" zu verbinden weiß. Mehr noch: Präzise und doch voller Wärme kann ihr der Politologe von einem Europa in der Krise erzählen, das gespalten ist zwischen jenen, die den Zerfall des Kommunismus' selbst erfuhren, und jenen, die davon verschont blieben. Überzeugend legt ihr Krastev mit der Erfahrung des Ost- und Mitteleuropäers zudem dar, weshalb sich viele Osteuropäer mit Blick auf Zu- und Abwanderung heute noch stärker traumatisiert fühlen als nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die Rezensentin hätte sich allerdings gewünscht, Krastev hätte etwas mehr Phantasie bei Vorschlägen für eine künftige Europa-Politik bewiesen, immerhin gibt es dafür laut Thadden anregende Einzelbeispiele in der Vergangenheit und Gegenwart der EU.
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