Siegfried Kracauer sah in den Oberflächen der Weimarer Republik die Tiefe der Gesellschaft. In seinem kulturhistorischen Streifzug erschließt Jens Wietschorke die Zeitungsminiaturen Kracauers neu und bringt sie in Dialog mit der Gegenwart. So entsteht ein einzigartiger Zugang zu einer Epoche voller Krisen und Kreativität, deren kulturelle Dynamik und gesellschaftliche Spannungen heute aktueller sind denn je.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 01.06.2026
Eigentlich ist es durchaus eine spannende Idee, die Weimarer Republik durch den Blick Siegfried Kracauers zu betrachten, findet Kritikerin Katharina Döbler. Die Umsetzung durch den Kulturwissenschaftler Jens Wietschorke überzeugt sie allerdings nicht recht. Wietschorke wählt nun chronologisch Feuilleton-Texte von Kracauer aus, die er wiederum zusammenfassend kommentiert und kontextualisiert, lesen wir. Er tut das manchmal allerdings so knapp, dass für Döbler nicht ganz klar wird, wessen Ansicht hier gerade präsentiert wird. Spannend sind die vielfältigen Themen allemal: da kann man Kracauers Spitzen gegen Ernst Bloch oder kritische Bemerkungen zu einer Thomas Mann-Lesung entdecken. Allerdings braucht man doch viel Hintergrundwissen, um in dieser "atemlosen Abfolge von Kracauer-Abbreviaturen" den Überblick zu behalten, bemängelt Döbler. Die Produktivität und die vielfältigen Interessen Kracauers schlagen hier zwar durch, aber die "zweifach gefilterte Form" gibt Döbler dann doch nur ein limitiertes Bild der Weimarer Republik. Allerdings ist das Buch eine starke Anregung, mal wieder Kracauer zu lesen, resümiert sie.
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