Für Joachim Sartorius ist der Dichter ein Erinnerer. Seine neuen Gedichte sind Aufstände der Sprache gegen die Vergänglichkeit, ganz gleich, ob sie von griechischen Säulen, der Nymphe Arethusa, Eidechsen, Friseuren oder verschwundenen Milieus handeln. Vor allem ist er ein Augenmensch. "Wohin mit den Augen": Vieldeutig muss dieser Titel gelesen werden. Als Geblendetsein von großer Sinnlichkeit. Als Scham, etwas sehen zu müssen, dessen Zeugenschaft man kaum übernehmen kann. Als Anspielung darauf, dass einem im Laufe eines langen Lebens eher mehr als weniger Augen wachsen. Sartorius führt uns zu den ihm vertrauten Orten: Tunis, Alexandria, die Levante, das weiße Meer. Im Zentrum der Gedichte steht die sizilianische Stadt Syrakus, selbst Gedächtnisort, selbst eine gleißende Erfindung der Erinnerung. Aufgehellt wird der existenzielle Ernst, der diese mittelmeerischen Meditationen durchzieht, durch ein mehrteiliges Capriccio über die türkische Katze des Dichters, ihre Launen, ihren funkelnden Übermut.
Rezensent Christoph Schröder bewundert die Offenheit des Blicks in den neuen Gedichten von Joachim Sartorius. Den weltreisenden Intellektuellen spürt Schröder indes in jeder Zeile, weil Sartorius so "anspielungsreich" und "intertextuell" dichtet. Den Ton der Texte über Sartorius' zweite Heimat Syrakus, seine Katze oder sein Aufwachsen in Tunis, ordnet Schröder in etwa so ein: Der Autor ist sich seines Älterwerdens bewusst, denkt aber nicht daran zu resignieren, sondern erweckt unermüdlich die Schönheit der Welt im Wort zu neuem Leben. "Du musst nur Sehnen sein, schrieb ich / ins Tagebuch, und: Die Zeit wird nicht vergehen", zitiert er den Autor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2021
Dass Lyrik gemalte Musik ist, wird Angelika Overath beim Lesen der neuen Gedichte von Joachim Sartorius wiederum bewusst. Die kosmopolitische Bildung des Autors, aber auch sein Gefühl für das Fremde im Eigenen und umgekehrt, spricht für Overath aus den lakonischen Texten über Münzen, Katzen, Mythen. Wie der Autor Orte, Zeiten und Figuren überblendet, scheint Overath der Lektüre wert.
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