Der sterbliche Gott
Macht und Herrschaft im Zarenreich

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406714207
Gebunden, 1370 Seiten, 49,90
EUR
Klappentext
Seit jeher inszenierten sich Russlands Herrscher als allmächtige Autokraten, die ihr Land mit eiserner Faust regierten. In Wahrheit aber war diese Inszenierung nur eine Fassade, hinter der sich die Schwäche des Staates verbergen konnte. Das zarische Vielvölkerimperium war ein fragiles Gebilde, das im Modus der Improvisation beherrscht wurde, seit Peter I. es nach Westen geöffnet hatte. Wie aber gelang es den Zaren und ihrer Bürokratie, ein multiethnisches, schwach integriertes Imperium über zwei Jahrhunderte erfolgreich zusammenzuhalten? Jörg Baberowski erzählt Russlands Geschichte aus der Perspektive der Herrschaft und ihrer Zwänge. Ansprüche und Möglichkeiten fanden in Russland nur selten zueinander. Der autokratische Staat operierte im Modus der Improvisation, weil es ihm an Instrumenten der Integration fehlte. Davon aber wussten auch diejenigen, die ihn herausforderten. Es war die Kritik, die sich mit den liberalen Reformen Alexanders II. (1855-1881) ausbreiten konnte, die die Staatskrise überhaupt erst auslöste. Der sterbliche Gott, wie Thomas Hobbes den Leviathan genannt hat, lebt von der Illusion der Stabilität und Unerschütterlichkeit. Doch der sterbliche Gott ist verwundbar. Er ruht auf Voraussetzungen, die er selbst garantieren muss.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.11.2024
Imponierend, wie Jörg Baberowski die Geschichte des späten russischen Zarenreichs entfaltet, findet Rezensent Arno Orzessek. Baberowskis Darstellung, die auch zurück unter anderem auf Iwan den Schrecklichen blickt, sich aber insbesondere dem einsetzenden Tauwetter unter Alexander II. sowie den folgenden Jahrzehnten bis hin zur Revolution 1905 widmet, vereint, beschreibt Orzessek, Ereignisgeschichte mit der Darstellung intellektueller Diskurse und Geschichtsphilosophie. Thematisiert werden, fasst der Rezensent zusammen, unter anderem der zaristische Staatsterror, Landreformen Alexander II. und dessen Ermordung 1891, insgesamt legt Baberowski dabei Orzessek zufolge Wert darauf, dass der Verlauf der Geschichte keineswegs vorbestimmt war. Manchmal wird Orzessek die Lektüre doch etwas zu lang, insgesamt jedoch ist er äußerst angetan davon, wie Baberowski hier die Geschichte in mehreren Dimensionen durchdringt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.10.2024
Rezensent Günter Kaindlstorfer ist schwer beeindruckt von Jörg Barberowskis 500 Jahren russischer Geschichte. Entsprechend dick ist das Buch und entsprechend "wuchtig" der Zugriff des Autors, meint der Rezensent. Auch wenn Putin nur als Elefant im Raum durch die Seiten spukt, reicht die Kontinuität, die der Autor als These anbringt, bis heute, ahnt Kaindlstorfer. Von Iwan dem Schrecklichen über Peter den Großen bis Katharina der II. erkennt der Autor Gewaltherrschaft einerseits und Rückständigkeit des Volkes andererseits. Wie der Autor den Blutdurst der Herrscher und die russische Misere in den letzten 500 Jahren herausarbeitet, findet der Rezensent so spannend wie bedrückend.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2024
Rezensent Ulrich M. Schmid zeigt sich schwer beeindruckt von diesem Riesenwerk des Osteuropahistorikers Jörg Baberowski. Fußnotensatt, kenntnisreich und auch sprachlich überzeugend, bietet der Autor laut Schmid ein Panorama der späten Zarenzeit und erläutert, perspektivisch von unten wie auch von oben, wieso das Reich zerfiel. Baberowski zeigt detailliert das autokratische System von Alexander I., aber auch das Wirken der Revolutionäre - und wozu das alles? Schmid weiß es: Er möchte Fehler offenlegen, um die gegenwärtige russische Krise besser zu verstehen. Die These des Autors, wonach ein zerfallendes Russland dem Chaos geweiht wäre und Putin als Hüter der Ordnung fungiert, muss Schmid erst einmal schlucken.