Eva Illouz

Explosive Moderne

Cover: Explosive Moderne
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518432068
Gebunden, 447 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Michael Adrian. Politiken der Angst, Spiralen der Enttäuschung, Menschen in Wut. Eva Illouz blickt auf unsere aufgewühlte Zeit aus der Perspektive der Gefühle, die sie prägen. Angst, Enttäuschung und Wut, aber auch Scham oder Liebe sind fest in die sozialen Arrangements der westlichen Moderne eingebaut - und werden von ihrer Ökonomie, Politik und Kultur intensiv bewirtschaftet. Sie sind psychologisch relevant, moralisch bedeutsam, politisch wirksam - und hochgradig ambivalent. Das macht die Gegenwart, in der wir leben, so brisant, ja explosiv. Illouz erhellt diese Phänomene in einer Komposition aus soziologischen Analysen, historischen Miniaturen und Lektüren ikonischer Werke der Weltliteratur. In präzisen Porträts der Emotionen, die Gesellschaft unter Hochspannung setzen, beleuchtet sie die Mechanismen ihres Wirkens sowie den Grund ihrer machtvollen Präsenz. Das Verblassen des amerikanischen Traums und die Fragilität der liberalen Demokratie, das Hamsterrad des Kapitalismus und die Konflikte rund um Identität, aber auch Antisemitismus, Rassismus und Misogynie: Ohne Bezug auf die Schlüsselgefühle der explosiven Moderne lassen sie sich weder verstehen noch einhegen oder bekämpfen. Das zeigt dieses Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2024

Eva Illouz fasst in diesem Buch ihre bisherigen Gedanken zum emotionalen Unterbau der Moderne insgesamt klug zusammen, so Rezensentin Marianna Lieder. Die Soziologin zeichnet laut Lieder mit Verweis auf die Kritische Theorie nach, wie Hoffnung in Zeiten der Säkularisierung funktioniert und sich in Enttäuschung verwandelt. Lieder zufolge geht es weiterhin um Gefühle wie Neid und Zorn, wobei sich Illouz nicht nur auf soziologische Klassiker bezieht, sondern auch auch auf zahlreiche literarische Texte. Im direkten Vergleich mit Andreas Reckwitz' auf durchaus ähnliche Weise von einer durch zunehmende Sensibilisierung geschwächten Moderne handelnden "Verlust" ist Illouz' Buch allerdings, urteilt die Rezensentin, oft zu ungenau und pauschal geraten. Ganz am Ende allerdings schöpft die insgesamt von der Lektüre durchaus inspirierte Kritikerin mit Illouz noch einmal Hoffnung, wenn es um die Möglichkeit von Gefühlen geht, die ein "Eigenleben" führen, sich den Bedingungen der äußeren Wirklichkeit widersetzen und "private und kollektive Revolutionen auslösen".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 26.10.2024

Zu hundert Prozent ist Rezensent Jens Balzer noch nicht überzeugt von Eva Illouz' Buch über (enttäuschte) Gefühle im Kapitalismus: In drei Abschnitten wendet sie sich Gefühlen von Enttäuschung über Hoffnung bis Zorn und Liebe zu und erklärt, wie diese mit dem Kapitalismus zusammenhängen und aufgrund eines vorherrschenden Konsumsdrucks immer wieder Neid auslösen. Dass viele Hoffnungen im Liberalismus nicht erfüllt wurden, verursacht eine Nostalgie, die sich die Rechten zunutze machen, lernt Balzer. Ihm gefällt zwar, dass Illouz sich vieler literarischer Beispiele von Kleist bis Proust bedient, aber vielleicht ist die suggestive Wirkung dieser Texte doch zu stark, und die "Komplexität unserer Gegenwart" lässt sich damit nur bedingt darstellen, überlegt der Kritiker, dem Illouz, so gern er sie liest, hier zu pessimistisch ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2024

Eine "Großanalyse der Gefühle" findt Kritiker Guido Kalberer im neuen Buch von Eva Illouz vor, welches die These vertritt, dass unsere Emotionen immer auch entscheidend von der Gesellschaft mitgeprägt werden, in der wir leben. Eindrücklich ist für Kalberer vor allem, wie Illouz das Phänomen "Neid" beschreibt: In der modernen Konsumgesellschaft sind wir ständig mit dem konfrontiert, was für uns "strukturell unerreichbar" ist, was zu Frust und Enttäuschung führt und zu immer neuen scheinbaren Bedürfnissen, die eine "Mammutindustrie der Selbstoptimierung" hervorrufen. Diese Analyse ufert an einigen Stellen zwar etwas aus, ist aber trotzdem äußerst anregend und lesenswert, versichert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.10.2024

Für Rezensentin Tania Martini enthält das neue Buch der Soziologin Eva Illouz einige Ungenauigkeiten (unter anderem die Gleichsetzung von Moderne und Spätmoderne) und ist auch kein "großer analytischer Wurf". Trotzdem geben ihr einige Überlegungen zu denken und bilden sinnvolle Erklärungsansätze für die aggressive politische Kultur der Gegenwart. Auf jeden Fall kann Martini der These zustimmen, dass Wut (egal von welcher politischen Seite) heute durchaus legitim geworden ist und eine moralische Wende im politischen Diskurs herbeigeführt hat. Der Liberalismus habe versprochen, die Furcht zu überwinden, nur habe er die Ängste vervielfacht, so Illouz, und die Rezensentin findet die Argumente der Soziologin hierzu sogar sehr überzeugend und beachtenswert.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.10.2024

Rezensentin Mara Delius scheint etwas enttäuscht zu sein vom neuen Buch der Soziologin Eva Illouz, die gern populärwissenschaftlich Zeitdiagnostik betreibt und die Liebe untersucht. Wenn Illouz sich nun unseren Gefühlen insgesamt widmet und sie als dem Markt unterworfen kennzeichnet, horcht Delius zunächst auf. Was Illouz abliefert, ist für die Rezensentin allerdings nicht überzeugend. Zu ungenau bleiben Begriffe und Methoden der Autorin. Nicht mal die Textsorte wird Delius klar. Für eine echte Zeitdiagnose oder eine umfassende Soziologie der Gefühle bleibt das Buch zu allgemein, werden Beispiele und Zitate zu essayistisch verwendet, findet sie. Interessante Ansätze enthält der Band allerdings, gibt sie zu.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2024

Mit Eva Illouz begibt sich die Rezensentin Marlene Knobloch auf eine faszinierende Reise in all jene Gefühlswelten, die heute Gesellschaft und Politik ausmachen. Dass Politik viel stärker als wir denken auf Gefühl statt auf Wissen beruht, ist Knoblochs Erkenntnis aus dem Band. Im Grunde stellt Illouz hier Sigmund Freud vom Kopf auf die Füße: Gefühle seien laut Illouz und entgegen Freud "alles andere als intim, sondern eine Verlängerung der Gesellschaft in uns selbst". Fataler noch: das politische wie das gesellschaftliche Denken ist viel stärker von Gefühlen angetrieben, als es sich zumal die Fühlenden selber einbilden, so Knobloch. Illouz verdeutlicht das gerade an jenen, die vorgeben denken zu können, den Intellektuellen, die stets bereit sind, "die schlimmsten Verbrechen (Stalins Massaker) zu tolerieren, solange sie im Namen der richtigen Begriffe (Revolution, Proletariat, die Linke) begangen wurden". Aber nicht nur Politik, auch unser gesellschaftliches Sein, unsere Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit unserer aktuellen Situation sei viel stärker gefühlsgesteuert als wir - äh, naja - denken. Für Knobloch ist dieses Buch eine dringend notwendige Entzauberung unseres Blicks auf die Welt. Handlungsanweisungen aber dürfe man von Illouz nicht erwarten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024

Weitgehend interessiert bespricht Rezensent Peter Neumann Eva Illouz' neues Buch. Die Soziologin setzt sich darin mit der gesellschaftlichen Gemachtheit von Gefühlen auseinander, die als kulturelle Codes beschrieben werden, in denen sich biologische, psychologische und soziologische Impulse vereinigen. Illouz spürt dabei den politischen Voraussetzungen von Emotionen wie etwa Hoffnung nach, und beschreibt die explosive der Moderne als eine bereits mit der Renaissance einsetzende Epoche, in der eben diese Instrumentalisierung von Gefühlen zur Blüte gebracht wird, so Neumann. Sie gehe dafür auf eine Vielzahl von historischen Beispielen ein, auf die amerikanische Bürgerkriegsbewegung ebenso wie auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, und baue in ihre Argumentation zudem zahlreiche literarische Verweise ein. Letzteres gefällt dem Rezensenten gut, insgesamt hält er Illouz' Text aber hier und da für zu überfrachtet, manchmal bringt die Autorin Dinge zusammen, die vielleicht doch nicht zusammenpassen, denkt er sich, wie etwa Gregor Samsa und Ostdeutschland. Außerdem hat sie wenig anzubieten, wenn es darum geht, wie wir aus der emotionalen Überhitzung aussteigen könnten, moniert Neumann. Der Rückzug in die Innerlichkeit, der an einer Stelle von Illouz als Perspektive angeboten wird, kann kaum des Rätsels Lösung sein, meint der Kritiker, der der Lektüre freilich insgesamt durchaus einiges abgewinnen kann.

Buch in der Debatte

9punkt 15.10.2024
Die SZ bringt die Rede der Soziologin Eva Illouz, die auch ein neues Buch veröffentlicht hat, anlässlich der Verleihung des Aby-Warburg-Preises in Hamburg. In der Rede spricht sie über die vielen Intellektuellen, die ausgerechnet beim Thema Nahost die Komplexität nicht sehen wollen und Israel prinzipiell als Schuldigen ausmachen. Unser Resümee
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