Freiheitsschock
Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406822131
Gebunden, 240 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
1989/90 erlitt Ostdeutschland einen "Freiheitsschock", das ist die Grundthese dieses Buches. Ilko-Sascha Kowalczuk erzählt die Geschichte Ostdeutschlands seit 1990 als Kampf um die Freiheit - ein Kampf, dessen Ausgang richtungsweisend ist für die Zukunft ganz Deutschlands. Er will aufrütteln: zu mehr aktiver Eigenverantwortung, zu einer Abkehr von der eigenen Opferrolle und zu einem Blick auf die Geschichte, bei dem die DDR nicht immer schöner wird, je länger sie her ist. Die Diktatur bleibt in diesem Buch eine Diktatur und die Einheit eine Freiheitserfolgsgeschichte: eine Intervention gegen die antifreiheitlichen Strömungen von einem der profiliertesten ostdeutschen Intellektuellen. Die AfD ist ein gesamtdeutsches Phänomen, aber in Ostdeutschland ist sie besonders erfolgreich. Wie ist das zu erklären? Wieso wird die liberale Demokratie gerade dort in Frage gestellt, wo die erste erfolgreiche Revolution auf deutschem Boden stattfand? Kowalczuk will die Ostdeutschen aus ihrer Opferrolle herausholen. Der Westen mag sich seinen Osten "erfunden" haben. Doch auch der Osten erfand und erfindet sich seinen Westen. In der DDR war der Westen für viele ein Sehnsuchtsort, doch auch die antiwestliche Propaganda der SED hatte weit zurück reichende Wurzeln. Sie wurden durch die Frustrationen des Vereinigungsprozesses verstärkt. Und sie hindern jetzt viele Ostdeutsche daran, sich die liberale Demokratie der Bundesrepublik zueigen zu machen.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 24.10.2024
Schlüssig findet Rezensent Marko Martin Ilko-Sascha Kowalczuks Argumentation in diesem Buch, das das Erbe der DDR-Diktatur in der deutschen Gegenwart behandelt. Dezidiert gegen ostalgische Bestseller von Dirk Oschmann und Katja Hoyer argumentierend, zeichne der Autor nach, wie die Repression durch den SED-Staat kleingeredet und die gesamtdeutschen Probleme nach 1989 lediglich dem Westen angerechnet worden seien - Argumentationsmuster, die auch auch AfD und BSW bedienen, erinnere Kowalczuk. Es geht ihm dabei nicht um moralische Kritik, sondern darum, die Bewusstseinslagen von Menschen zu verstehen, die materiell inzwischen oft gut gestellt sind, aber trotzdem gegen Eliten und Fremde polemisieren, stellt Martin klar. Essayistisch arbeite sich Kowalczuk von der Zeit vor 1989 über die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart vor, sichtbar wird dem Kritiker dabei eine Tradition des Autoritarismus, die noch weitaus weiter zurück reiche, bis in Wilhelminische Zeiten. Abschließend weist Martin mit Kowalczuk darauf hin, dass es nicht um ein ostdeutsches Regionalproblem geht, sondern dass die beschriebenen Bewusstseinslagen auch auf Westdeutschland übergreifen könnten. Insbesondere im Ukrainekrieg sieht der Autor einen möglichen Wendepunkt, heißt es zum Schluss.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2024
Ein unerschrockener Freiheitsfreund schreibt hier gegen Geschichtsklitterung und den Trend zum Autoritarismus an, freut sich Rezensentin Jacqueline Boysen. Sie bezeichnet Ilko-Sascha Kowalczuk als den Punk unter den Geschichtswissenschaften und zeichnet nach, wie er in seinem neuen Buch auch von eigenen Jugenderfahrungen in der DDR ausgehend die unfreie Gesellschaft des sozialistischen Ostdeutschland geißelt. In diesem Zusammenhang kommt der Autor, lernen wir, unter anderem auf die unwürdige Behandlung Behinderter durch DDR-Behörden zu sprechen, außerdem rückt er Demokratieverächtern von rechts wie links auf die Pelle. Der Text hat wenig Struktur, beschreibt Boysen, aber Kowalczuk betreibt keine Schwarzweißmalerei und kritisiert etwa auch, dass die Erfahrungen der DDR-Bürgerrechtsbewegung im Westen kaum ernst genommen werden. Die Rezensentin möchte nicht bei allen Argumentationsschritten mitgehen, so glaubt sie zum Beispiel nicht, dass eine neue Verfassung Demokratiefeinde umstimmen könnte. Insgesamt jedoch ist dieses mit viel Verve geschriebene Buch ein Rundumschlag zur rechten Zeit, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 31.08.2024
Zorn scheint im Osten eine der vorherrschenden Emotionen zu sein, die erklären, warum sich große Teile der Gesellschaft an Ideologen klammern, konstatiert Rezensent Gerrit ter Horst nach der Lektüre des neuen Bandes von Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Der Autor macht sich ausgehend von Karl Popper und dessen Idee eines subjektbezogenen Freiheitsbegriffs Gedanken über den "Freiheitsschock", den der Osten erlebt hat, lesen wir. Es geht ihm dabei vor allem darum, gegen die seines Erachtens selbst verschuldete Unmündigkeit der Bürger anzuschreiben und endlich im eigenen Interesse zu handeln, so ter Horst. Dem Kritiker ist das bisweilen zu wutgetragen, zudem missfällt ihm, dass Kowalczuk die ökonomischen Fragen ausklammert, sodass er letzten Endes leider nicht viel Neues zu sagen hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.08.2024
Rezensent Gustav Seibt schätzt den ostdeutschen Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, Autor unter anderem einer monumentalen Ulbricht-Biografie. Dieses Buch, eine Abrechnung mit dem "giftigen Erbe" der DDR-Diktatur und den Demokratiedefiziten vieler Ostdeutscher, ist allerdings mehr eine Polemik, warnt er. Kowalczuk hat null Mitleid und liest seinen Landsleuten offenbar gehörig die Leviten. In ihrem Verhältnis zum Staat seien sie kindisch, "faul, fordernd und dauerenttäuscht", resümiert der Rezensent die wesentlichen Vorwürfe des Autors. Wie gesagt, polemisch, aber doch insofern richtig, findet Seibt, weil Kowalczuk den Demokratieverächtern in Ostdeutschland eindringlich klarmache, wie kostbar eine liberale Demokratie ist. Neben Oschmann und Mau einer der wichtigsten Beiträge zur Befindlichkeit der Ostdeutschen, meint Seibt.