Verlust
Ein Grundproblem der Moderne

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518588222
Gebunden, 463 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Gletscher schmelzen, Arbeitswelten verschwinden, Ordnungen zerfallen. Verluste bedrängen die westlichen Gegenwartsgesellschaften in großer Zahl und Vielfalt. Sie treiben die Menschen auf die Straße, in die Praxen der Therapeuten und in die Arme von Populisten. Sie setzen den Ton unserer Zeit. Während sich die Formen ihrer Bearbeitung tiefgreifend verändern, scheinen Verlusterfahrungen und Verlustängste immer weiter zu eskalieren. Wie ist das zu erklären? Und was bedeutet es für die Zukunft?Andreas Reckwitz leistet Pionierarbeit und präsentiert die erste umfassende Analyse der sozialen und kulturellen Strukturen, die unser Verhältnis zum Verlust prägen. Unter dem Banner des Fortschritts, so legt er dar, wird die westliche Moderne schon immer von einer Verlustparadoxie angetrieben: Sie will (und kann) Verlusterfahrungen reduzieren - und potenziert sie zugleich. Dieses fragile Arrangement hatte lange Bestand, doch in der verletzlichen Spätmoderne kollabiert es. Das Fortschrittsnarrativ büßt massiv an Glaubwürdigkeit ein, Verluste lassen sich nicht mehr unsichtbar machen. Das führt zu einer der existenziellen Fragen des 21. Jahrhunderts: Können Gesellschaften modern bleiben und sich zugleich produktiv mit Verlusten auseinandersetzen? Ein wegweisendes Buch.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.11.2024
Wer dieses Buch liest, wird sich selbst und seine Gegenwart besser verstehen, versichtert Rezensent Holger Heimann. Andreas Reckwitz nimmt hier die krisengebeutelte moderne Gesellschaft unter die Lupe, deren Probleme er auf "um sich greifende Verlusterfahrungen" zurückführt. "Augenöffnend" findet Heimann Reckwitz' Ausführungen dazu, wie sich die Wahrnehmung von Verlusten seit dem 18. Jahrhundert verändert hat: Mit steigenden Fortschrittsglauben und dem Fokus auf die Zukunft, wurden Verluste "unsichtbar" gemacht - das funktionierte, bis in der Moderne der Glaube an eine positive Zukunft langsam bröckelte, erklärt Heimann. Eine "Verlusteskalation" bricht sich Bahn, die nicht mehr verschleiert werden kann, das sorgt für Unzufriedenheit und Angst, so Heimann, die sich auch Populisten zu Nutze machen. "Flüssig geschrieben" und zugleich "fordernd" findet der Kritiker die Analyse. Dass sich der Soziologe am Ende nicht zu Lösungsvorschlägen hinreißen lässt, kann Heinemann abschließend nur begrüßen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 24.10.2024
Andreas Reckwitz hat laut Alexander Cammann das wichtigste Sachbuch geschrieben, das diesen Herbst erscheint. Es beschäftigt sich, erstmals derart systematisch in der Soziologe, mit dem Verlust. Ausgangspunkt sind akkumulierende Verlusterfahrungen die Umwelt, die Überalterung oder auch die Coronatoten betreffend. Reckwitz arbeitet sich laut Cammann durch eine Geschichte und auch eine Kulturgeschichte des Verlusts, es geht unter anderem um den Übergang zur Moderne als eine Zeit, der Reckwitz eine "Verlustparadoxie" unterstellt, da Fortschritt auch immer mehr Verluste produziert, wie sich etwa im Umgang mit dem Tod zeigt. Leicht lesbar ist das nicht immer, aber manchmal fühlt Cammann sich doch getröstet von diesem Buch, und sei es nur, weil die Probleme so klar dargelegt werden. Ein Pessimist ist Reckwitz nicht, stellt Cammann klar, der Autor plädiere dafür, dass die Moderne den jugendlichen Überschwang ablegt, erwachsen wird und damit beginnt, die eigenen Zukunftserwartungen zu justieren. Beeindruckend, wie die Verlusterzählung dergestalt zu einem Fortschrittsnarrativ umgebaut wird, findet Cammann abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2024
Rezensent Guido Kalberer lobt diese präzise und in ihrem interdisziplinären Anspruch würdige Analyse des Soziologen Andreas Reckwitz, die er offenbar mit Interesse gelesen hat. Reckwitz erprobe seine große Expertise am Versuch einer breiten Problematisierung des Verlusts, und Kalberer folgt dieser Argumentation aufmerksam: Im 21. Jahrhundert häufen sich die Krisen, die zu unwiederbringlichen Verlusten führen können. Diese negative Haltung des Jahrhunderts zu sich selbst wird nun von Reckwitz geschichtsphilosophisch und soziologisch aufgearbeitet, und Kalberer macht sich souverän an die Darstellung der Argumentation: Die Hilflosigkeit angesichts einer ungewissen Zukunft sei eine direkte Folge des technischen Fortschrittswahns der Moderne, denn nicht alles lasse sich heute noch planen und industriell lösen, resümiert Kalberer. Auf der anderen Seite sind eine alternde europäische Bevölkerung und eine verletzliche Subjektgemeinschaft anfälliger für apokalyptische Visionen. Statt die Wucht der Verluste traumatisieren zu lassen, könnten sie zu kreativen Zukunftslösungen anregen. Hauptsache gegen die lähmende Negativität ankämpfen, dafür plädiert Reckwitz, so der Rezensent abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 16.10.2024
Rezensent Stefan Reinecke findet überwiegend lobende Worte für das Buch des Soziologen Andreas Reckwitz. Vor allem der zweite, "inspiriertere" Teil des Buches bewegt ihn zum nachdenken. Reinecke wird klar, dass er hier keine "radikale Kulturkritik" in die Hände bekommen hat, lobt die Kühle sowie die intellektuelle Eleganz, mit der Reckwitz nach den Manövern der westlichen Gesellschaft fragt, mit Verlusten umzugehen und sie schließlich zu verdrängen. Viele - etwa rechtspopulistische Politiker - wüssten die Angst vor individuellen Verlusten und die Sorge vieler Menschen, abgehängt zu werden, für sich zu nutzen. Der Rechtspopulismus stellt aber keineswegs "den Fluchtpunkt" der Argumentation dar, versichert Reinecke, er gehört eben zur strukturellen Analyse dazu, die Reckwitz wichtiger ist als "rhetorische Knalleffekte" zu zünden. Ebenso zustimmend reagiert er auf die These vom "rasenden Stillstand". In Anlehnung an Virilio spricht Reckwitz von einer Gesellschaft, in der die technische Entwicklung stetig weitergeht, die Zukunftsvision aber abhanden gekommen ist. Die eurozentrische Perspektive des Buches reflektiert Reckwitz selbst, so ganz zufrieden ist der Rezensent aber nicht damit, dass er in seiner Analyse die Rolle von China und Indien vernachlässigt. Insgesamt kann der Rezensent diese neue "Theorie der Moderne" aber als "kluge, anregende und weitreichende" Beschreibung der okzidentalen Gegenwart empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 14.10.2024
Rezensent Martin Hubert hat Andreas Reckwitz Verlustgeschichte der Moderne mit Interesse gelesen. Laut Reckwitz halten die Fortschrittsversprechungen der Moderne seit den 1980er Jahren, weshalb die Verluste, die die bisherigen Fortschritte gekostet haben, stärker in den Blick rücken und die viele Menschen empfänglich für Populismen machen. Hubert findet das recht überzeugend argumentiert, aber er macht auch auf ein paar Fehlstellen aufmerksam: Warum zum Beispiel Verluste heute stärker empfunden werden als beispielsweise nach dem Ersten Weltkrieg, erschließt sich ihm nicht ganz. Überhaupt hätte er gern etwas konkreter gelesen, worin die beklagten Verluste genau bestehen und wie man die Verlierer dazu bringen kann, nicht auf Ideologen hereinzufallen. Alles in allem gibt ihm das Buch aber einen ganz guten Einblick in die Krisen der Gegenwart. Manchmal vielleicht etwas theorielastig, aber dennoch verständlich auch für "ambitionierte Laien", versichert er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024
Eine anspruchsvolle Besprechung zu einem anspruchsvollen Buch schreibt Rezensentin Marianna Lieder über Andreas Reckwitz' Abhandlung zum Verlust als "Grundproblem der Moderne." Der Soziologe widmet sich darin den "blinden Flecken des Modernisierungsgeschehens" wie etwa dem Klimawandel oder den zunehmenden Bedrohungen der Demokratie, was zwar an sich nicht neu ist, aber, wie Lieder versichert, bisher nicht mit dieser Schlagkraft systematisiert worden ist. Reckwitz zeigt ihr, was "doing" und "undoing loss" bedeutet, also wie Verlusterfahrungen sich zeigen beziehungsweise unsichtbar gemacht werden, und dass Kunst ebenso wie Psychotherapie Versuche sind, mit diesen Erfahrungen umzugehen. Auch Vergleiche zwischen den "Trente Glorieuses" von 1945 bis 1975 und heute überzeugen die Kritikerin, die auch davon begeistert ist, dass Reckwitz' Darstellung nicht an zu hoher Emotionalität krankt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024
Für den hier rezensierenden Schriftsteller Guillaume Paoli zeugt Andreas Reckwitz' Buch über den Verlust als Phänomen der Moderne eher von einem überkommenen Wissenschaftsideal als von einem reellen soziologischen Interesse an der Gegenwart. Denn die Grundprämisse des Buchs, nämlich "Verlust" nicht von seiner Konkretion her, sondern als Diskursphänomen behandeln zu wollen - also die Art und Weise, wie Verluste gesellschaftlich aufgearbeitet und thematisiert werden - findet Paoli wenig ertragreich. Die sich daraus ergebende Formel des "doing loss" passe zwar wunderbar zur praxistheoretischen Ausrichtung Reckwitz', sei aber eben blind für gewisse sehr reale Verluste wie etwa den der Biodiversität, der diskursiv wenig präsent und doch stetig fortschreitend sei, moniert Paoli. Auch die vehemente Abgrenzung des Autors von jeglicher Kulturkritik scheint den Kritiker zu nerven; die Beanspruchung einer neutralen Beobachterposition ist für ihn schlicht veraltet - und, ebenso wie Reckwitz' abschließende drei Zukunftsszenarien, recht unbrauchbar für den Umgang mit Verlusten. Noch dazu verliere der Autor sich in akademischen Experten-Sprech - für Paoli ein Flop.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 12.10.2024
Rezensent Marc Reichwein warnt: Das neue Buch des Soziologen Andreas Reckwitz ist keine Urlaubslektüre, sondern eher etwas für die Arbeit am Schreibtisch. Am richtigen Platz aber entfaltet es seine Wirkung, versichert der Rezensent. Reckwitz gelingt ein großer Wurf, indem er das Stichwort Verlust "kapert" und damit zur großen Epochendeutung ansetzt, meint Reichwein. Dass die Moderne bei allem Fortschritt auch eine Verlustgeschichte ist, macht ihm der Autor mit allerhand Beispielen vom Klimawandel über Heimatverlust bis zur Jobunsicherheit deutlich. Dass er dabei nicht kulturpessimistisch agiert, sondern stets Gesellschaftswissenschaftler bleibt, der mit Neugier ein Paradox der Moderne seziert, ist für die Leserin äußerst gewinnbringend, so der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.10.2024
Rezensent Thomas Steinfeld zeigt sich von Andreas Reckwitz' neuem Buch über den "Verlust" wenig beeindruckt. Der Soziologe analysiert Verlusterfahrungen als "Rückseite" des Fortschrittsversprechens in der Moderne, um eine "Soziologie des Verlusts" zu begründen. Wie der Autor den Fortschritt in den verschiedenen Bereichen - Medizin, Kultur, Moral - konkret misst, um deren Niedergang zu behaupten, bleibt Steinfeld schleierhaft. Steinfeld moniert Reckwitz' Verallgemeinerungen und seine Neigung, Verlusterfahrungen ins Subjektive zu überführen, was Paradoxien und Widersprüche auflöse. Besonders kritisiert Steinfeld die Fixierung auf vermeintliche Verluste, hinter denen oft gar keine realen Schäden stecken, sondern versteckte Ansprüche, wie etwa die Sehnsucht nach einer "biodeutsch reinen Volksgemeinschaft". Reckwitz' "Universalsoziologie" gerät dadurch eher zu einer Bestätigung landläufiger Vorurteile als zu einer eine originellen Analyse, meint der Kritiker. Wie nun der richtige Umgang mit dem Verlust aussieht, kann Reckwitz letztlich auch nicht sagen - ob seine Soziologie da weiterhelfen kann, "bleibt abzuwarten", schließt Steinfeld.