Das weltberühmte Gemälde "Guernica" von Picasso ist nach der gleichnamigen baskischen Stadt benannt. Diese wurde im April 1937 von einer Luftwaffeneinheit Nazideutschlands im Dienste der aufständischen spanischen Nationalisten unter General Franco bombardiert. Das schreckliche Ereignis soll den Künstler zu dem Werk angeregt haben - soweit die seit Jahrzenten verfestigte Ansicht. Die vorliegende Studie verweist diese Annahme in den Bereich der Legende. Weder hat sich Picasso diesbezüglich geäußert noch lassen die Darstellung selbst und die Entstehungsumstände darauf schließen, dass der Luftangriff auf Guernica auf den Künstler und sein Werk einen Einfluss gehabt hätte. Bombardierung und Bild korrelieren zeitlich, hängen aber nicht kausal zusammen. Den Titel "Guernica" erhielt das Bild erst, als es im Wesentlichen fertiggestellt war. Picassos Freunde Paul Éluard und Christian Zervos projizierten dieses aktuelle Stichwort auf das Bild, um es politisch "links" zu vereinnahmen. Dies wird in einer minutiösen philologischen Untersuchung zeitgenössischer Quellen aufgezeigt. Für Picasso selbst bringe das Bild seinen "Abscheu vor der militärischen Kaste, die Spanien in ein Meer von Leid und Tod gestürzt hat", zum Ausdruck.
Durch den Begriff "Guernica" wurden (und werden) Assoziationen hervorgerufen und mit dem Bild in Verbindung gebracht, die nichts mit dessen Darstellung zu tun haben, sich aber in der Panegyrik seiner Interpreten vertieften und verselbständigten. Picasso ließ diese Mythenbildung gewähren, mehrte sie doch die Aura seines Werkes und diente damit seinem Ruhm.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.06.2017
Rezensent Reinhard Brembeck wehrt sich erst ein wenig gegen eine Neuinterpretation von Picassos berühmtem Gemälde. Wäre das nicht Ikonoklasmus? Wenn der Kunsthistoriker Jörg Martin Merz jedoch ausholt, um zu erklären, dass "Guernica" nichts mit Guernica zu tun hat, lauscht Brembeck bald interessiert, zumal der Autor seinen Text mit jeder Menge Fußnoten absichert. Schließlich reist der Rezensent nach Madrid, um das Bild zu sehen und "völlig neu" kennenzulernen. Als Picassos Hoffnung auf ein Ende des Franco-Putsches nämlich, angereichert laut Merz mit erotischen, mythischen und privaten Konnotationen. Für Brembeck führt das zu einer spannenden Neuentdeckung des Bildes.
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