Bücherbrief

Mit einem Royal Flush

10.07.2017. Rachel Cusk erzählt mit Eleganz und Witz vom Leben nach der Scheidung. Michaela Murgia setzt auf die Verführungskraft jugendlicher Unverschämtheit. Anne Fulda porträtiert Emmanuel Macron. Judith Shklar setzt auf den Liberalismus der Rechte. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Juli.
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Weitere Anregungen finden Sie der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Rachel Cusk
Transit
Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 238 Seiten, 20 Euro.

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Zerbrochene Beziehungen und gescheiterte Träume, keine stringente Handlung und eine kaum fassbare Erzählerin - die Romane der kanadisch-britischen Autorin Rachel Cusk sind keine leichte Lektüre, doch wenn man den begeisterten KritikerInnen folgt, dann sind sie ungeheuer faszinierend. In der NZZ erklärt Angela Schader sehr genau, wie raffiniert Cusk erzählt, wie präzise und berührend sie in ihrem Roman "Transit" das Psychogramm einer geschiedenen Frau zeichnet - allein im Spiegel ihrer Umgebung. In der taz nennt es Carola Ebeling schlichtweg brillant, wie nüchtern und klug zugleich Cusk die großen Fragen des Lebens behandelt. In der SZ bewundert Meike Fessmann vor allem, wie viele Lebenswelten und Weltsichten in diesem Roman aufscheinen. Und in der Berliner Zeitung beschwört Barbara Weitzel die "klirrende Eleganz" Cusks: "Man hält inne, muss innehalten, betört von der Schönheit des Ausdrucks und der Klarsicht und der Autorin." FAZ-Kritikerin Verena Lueken hat allerdings der Vorgänger-Roman "Outline" deutlich besser gefallen, ihr ist das Erzählen in "Transit" zu unplastisch. Im Guardian schreibt Helen Dunmore eine wahre Eloge auf Rachel Cusk, die die klassische Eleganz ebenso beherrsche wie den kühlen Witz.

Javier Cercas
Der falsche Überlebende
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 496 Seiten, 24 Euro

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Die unglaubliche Geschichte des Hochstaplers Enric Marco, den der spanische Autor Javier Cercas für seinen Roman unter die Lupe genommen hat, fasziniert die Kritiker. Marco, der noch als junger Anarchist gegen die Truppen des späteren Diktators Franco kämpfte, stilisierte sich später 30 Jahre lang medienwirksam als Überlebender des deutschen Konzentrationslagers Flossenbürg - bis es schließlich zum Skandal kam. In der Zeit lobt Merten Worthmann nicht nur den Rechercheaufwand, den Cercas  für seinen zwischen Essay, Erzählung und Bericht mäandernden Text betrieben hat, um Wahrheit und Lüge im Leben Marcos zu trennen, er bewundert auch, wie psychologisch sich der Autor an den bis heute keine Reue zeigenden Betrüger herantastet. SZ-Kritiker Ralph Hammerthaler lernt während der Lektüre, wie nahe sich Literat und Hochstapler sind. Während Carsten Hueck im Deutschlandfunk neben "tiefen Einblicken in die Geschichte Spaniens" auch viele Überlegungen zu Fragen der Moral entdeckt hat, lobt FR-Kritikerin Cornelia Geißler das Buch als spannenden "Spionagethriller".

Michela Murgia
Chirú
Roman
Wagenbach Verlag, Berlin 2017, 208 Seiten, 20 Euro

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Michela Murgia gehört zu den festen Größen der italienischen Literatur. In ihrem Report "Camilla im Callcenter" erzählte sie vom Leben im modernen Prekariat, in ihrem betörenden Roman "Accabadora" von den archaischen Lebenswelten Sardiniens. Auch ihr neuer Roman "Chirú" hat den KritikerInnen sehr gefallen. Im Mittelpunkt steht eine Schauspielerin Ende dreißig, die eine Affäre mit einem zwanzig Jahre jüngeren Musikstudenten beginnt und ihn in das Leben, die Liebe und die Kunstwelt von Cagliari einführt. Virtuos und furchtlos findet Zeit-Kritikerin Elisabeth von Thadden den Roman, in der FR erkennt Susanne Lenz die Verführungskraft jugendlicher Unverschämtheit, und in der FAZ gefällt Niklas Bender die Melancholie, mit der Murgia auf die flüchtige Anmut der Jugend blickt. Allerdings warnen die Kritiker auch, dass Murgia bei aller Komik und Klarsicht mitunter die Grenzen zum Kitsch streift. Im Freitag porträtiert Angelo Algieri die auch politisch sehr engagierte Schriftstellerin.

Christoph Hein
Trutz
Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 477 Seiten, 25 Euro

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 Selten hat Christoph Heins "reduzierter, schnörkelloser" Stil so gut funktioniert wie in diesem deutsch-sowjetischen Schicksalsroman, lobt Christoph Schröder in der SZ, der den Roman als so faktengesättigtes wie fesselndes Geschichtsbuch empfiehlt. Auch Tagesspiegel-Kritikerin Katrin Hillgruber lässt sich von der "deterministischen Wucht" dieser Geschichte mitreißen und staunt, wie geschickt Hein einmal mehr historische Ereignisse im Erleben seiner Helden spiegelt. Im Mittelpunkt steht der Mnemotechniker Maykl Trutz, dessen Vater vor den Nazis Richtung Moskau floh und dort die stalinistischen Säuberungen erlebte, während Maykl nach dem Krieg in der DDR landet. Zudem ist der Roman voll gepackt mit kleinen Familienanekdoten und "grotesken" Geschichten aus der Verlagswelt der Weimarer Republik, freut sich Carsten Otte in der taz. Sätze, die "in die Literaturgeschichte eingehen" werden, entdeckt Otte in diesem "literarischen Bollwerk gegen das Vergessen". Und FR-Kritikerin Judith von Sternburg nimmt Hein nicht mal übel, dass er seine Helden mit wunderbar lapidarer Erzählkunst um die Ecke bringt.

Lawrence Osborne
Denen man vergibt
Roman
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2017, 272 Seiten, 22 Euro

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Heiß, wild und rauschhaft geht es im Marokko von Lawrence Osbornes Roman "Denen man vergibt" zu, in dem eine dekadente britische Partygruppe auch noch feiert, als ein unter den Gästen weilendes angetrunkenes Ehepaar einen jungen marokkanischen Fossilienhändler überfährt. In der SZ bewundert Jens Bisky nicht nur die kunstfertige Konstruktion, sondern lässt sich auch durch die moralische Fragwürdigkeit von Osbornes Noir-Film-Figuren in seiner Urteilsfähigkeit herausfordern. Für NZZ-Kritikerin Angela Schader ist der hierzulande noch unbekannte Autor ein gewiefter Romanpokerspieler mit einem Royal Flush in der Hand: Wuchtige und irritierende Szenen wechseln sich in dieser spannenden und kontrastreichen Gesellschaftsstudie über die Gegenwelten von Touristen und Einheimischen ab, lobt sie. Auf billige Effekte und Schwarzweißmalerei verzichtet Osborne glücklicherweise, fährt Schader fort. Ein hingerissener Peter Henning (wdr.de) hat "eine gleißende Parabel auf die Arroganz des Westens" gelesen, "ein fiebriges Lehrstück über Schuld und Sühne". Und für FAZ-Kritikerin Wiebke Porombka verhandelt der mit einer Prise Kerouac und Capote gewürzte Roman gar die Frage der Schuld des Kolonialismus.


Sachbuch

Anne Fulda
Emmanuel Macron
Die Biografie
Aufbau Verlag, Berlin 2017, 224 Seiten, 18 Euro

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Tja, Emmanuel Macron hat zwar eine irgendwie aparte Vorgeschichte - die Liebe zu seiner Theaterlehrerin, die Lehrzeit bei Paul Ricoeur! - aber wie soll man eine Biografie über einen 39-Jährigen schreiben? Trotzdem besteht jetzt natürlich ein Bedarf, den Sausewind zu fassen zu kriegen. Anne Fuldas Biografie ist bisher zweimal besprochen, einigermaßen widersprüchlich ehrlich gesagt: Dem FAZ-Rezensenten Helmut Mayer geht die Autorin zu wenig auf Macrons politische Ziele ein. Und sie spielt ihren Hang zum Psychologisieren und zur christlichen Ikonografie stellenweise zu arg aus, wenn sie (erfolglos) nach dunklen Flecken in der Biografie des Franzosen fahndet, findet Mayer auch. Alexander Cammann empfiehlt das Buch in der Zeit seltsamer Weise als Sommerlektüre: Immerhin als "Gesellschaftsroman" über einen, der sich hoffentlich nicht als Rastignac entpuppt, könne man die Biografie mit Gewinn lesen. Lesenswert auch das Macron-Porträt in der FAZ, für das sich Michaela Wiegel ausführlich mit Fulda unterhalten hat.

Judith N. Shklar
Der Liberalismus der Rechte
Matthes und Seitz, Berlin 2017, 203 Seiten, 16 Euro

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Schön, dass sich Matthes und Seitz dieser Klassikerin des Liberalismus annimmt, die selbst in den USA ein wenig vergessen zu sein scheint (der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu Judith Shklar ist jedenfalls ziemlich luschig). Schon 2013 hatte der Verlag Shklars Buch "Der Liberalismus der Furcht" herausgebracht. Marko Martin hat damals in seiner Besprechung für den Deutschlandfunk umrissen, worin die Aktualität der 1992 verstorbenen Autorin besteht: "Für sie leitet sich der Liberalismus aus der Erfahrung der blutigen Religionskriege ab und der Konsequenz, den Streit um die allerletzten Wahrheiten aus dem Alltagsdiskurs heraus zu halten. Stattdessen müsse dafür Sorge getragen werden, dass jeder ohne Furcht vor Grausamkeit leben könne." Nun legt Matthes und Seitz einige der wichtigsten Essays Shklars nach: Zeit-Kritiker Alexander Cammann entdeckt darin Shklars bis heute aktuellen "Sinn für Abgründigkeiten", etwa wenn sie über die Ablehnung des starken Staats durch arme Weiße schon im Jahr 1830 schreibt. In der SZ staunt Isabell Trommer, wie Shklar in ihrem Denken historisches Bewusstsein, politische Theorie, präzise Analyse und realistische Klarheit verbindet.

Philipp Blom
Die Welt aus den Angeln
Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart
Carl Hanser Verlag, München 2017, 304 Seiten, 24 Euro

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In der kältesten Phase der Kleinen Eiszeit, von 1570 bis 1700, war die Durchschnittstemperatur auf der Welt plötzlich und aus immer noch unbekannten Gründen um einige Grad gesunken. In Europa wüteten Hungersnöte und Kriege, Pest und Tulpenwahn, während zugleich Welthandel und Universitäten im Norden des Kontinents aufblühten, und mit ihnen die Ideen der Aufklärung. Der Wiener Historiker Philipp Blom führt in einem Parforceritt durch die europäische Geistesgeschichte, und in der FAZ folgt ihm atemlos Hannes Hintermeier, auch wenn er dabei kaum den Zusammenhang von Klima und Ideenwelt untermauert sieht. Aber gut, meint Hintermeier großzügig: Irgendwann ging es den Leuten auf, dass die Ernten nicht besser werden, wenn sie Hexen verbrennen. SZ-Kritiker Harald Eggebrecht nimmt ein düsteres Bild von der Epoche mit, in der die Moderne vielleicht dem apokalyptischen Denken ein Ende machte, nicht aber Ausbeutung, Gewalt und Eigennutz. Im Deutschlandfunk äußert sich Thomas Palzer lobend. Und in der taz sieht Margarete Moulin sehr schön die Verbindung von Kälte und Kapitalismus dargelegt und setzt angesichts der drohenden Klimaerwärmung auf ein Zeitalter der Solidarität.

Siegbert Rampe
Georg Philipp Telemann und seine Zeit
Laaber Verlag, Laaber 2017, 567 Seiten, 44,80 Euro

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Was weiß man schon über Georg Philipp Telemann? Außer dass er Bach- und Händel-Zeitgenosse war, seinerzeit sicherlich sogar bekannter als Bach. Ein erfolgreicher Komponist, Musiker und Musikunternehmer, über den jetzt eine mehrfach sehr positiv besprochene Biografie vorliegt: "Telemann verlegt nicht nur Noten", nimmt etwa Susanne Pütz im SWR daraus mit , "sondern gibt auch ein eigenes Musikjournal heraus. Grund dafür ist wohl seine zerrüttete Ehe und eine Ehefrau, die ihm einen Berg Schulden beschert. Vielleicht oder gerade deshalb geht Telemann am Ende seines Lebens unter die Botaniker, genießt die Natur und legt sich einen Garten mit vielen exotischen Blumen an." Es gibt auch Kritik an dem Band. Peter Hagmann bemängelst in der NZZ eine "Überidentifikation": Seine Meinung nach muss man Telemann nicht permanent gegen Bach verteidigen. Jan Brachmann fehlt in der FAZ eine ästhetische Würdigung. Dennoch überwiegt die Freude an Rampes plastischer Erzählweise und der Informationsfülle des Bandes.

In seinem Viola-Konzert nutzt Telemann sehr schön die c-Saite:



Jörg Martin Merz
Guernica
oder Picassos 'Abscheu vor der militärischen Kaste'
Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau 2017, 88 Seiten, 18 Euro

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Könnte es sein, dass "Guernica" gar nicht von Guernica handelt? Dass dieser Name dem Bild von dem kommunistischen Dichter Paul Eluard aufgepfroft wurde? Reinhard Brembeck ist in der SZ fasziniert von der These dieses Buchs: "'Guernica' aber war das Thema der Stunde, die Assoziation unvermeidlich. Weil die Entstehung des Bildes zufällig mit der Bombardierung Guernicas zusammenfiel, weil sich viele von Picassos links-intellektuellen Freunden über dieses Kriegsverbrechen entsetzten und das großformatige Gemälde ganz selbstverständlich als Protest gegen diese Barbarei empfanden. " Merz liest das Bild ganz anderes. Es hat mit Stierkampf zu tun. Das Kind ist gar nicht tot. Erotik spielt eine Rolle. Leider ist das Buch nur einmal besprochen. Aber jeder, der nach Madrid reist, sollte es mitnehmen und sich ins Bild versenken, empfiehlt ein staunender Brembeck.