Zum 80. Geburtstag von Walter Jens am 8.3.2003. Protestant zu sein bringt mit dem Doppelsinn des Begriffs die religiöse und politische Identität von Walter Jens auf den Punkt. Luther, Lessing und Heine sind die Bezugsgrößen für sein literarisches Schaffen. In Jahrzehnten, in denen die Intellektuellen sich von der Religion distanziert haben, wuchs ihm ein völlig anderes Profil zu. Jens verkörpert das zumal in Schriftstellerkreisen ungewöhnliche Zugleich von kultureller Kompetenz und religiöser Selbstbindung. Kuschels Buch über ihn nimmt daher als Leitfrage auf, wie ein Intellektueller vom geistigen Format und der politischen Überzeugung eines Walter Jens zugleich ein religiöser Mensch sein kann, sich als "Christ" öffentlich engagieren kann, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Damit wird ein Stück Bewusstseinsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland geschrieben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2003
Walter Jens' Einwürfe in Sachen Kirche und sozialer Gerechtigkeit sind nach Einschätzung des "Jdl." zeichnenden Rezensenten so unbeirrbar wie seine einschlägigen Texte. Der Theologe Karl-Josef Kuschel hat dem Tübinger Rhetorikprofessor und "protestierendern" Christen nun eine umfassende Monografie gewidmet, die Jens als "Literat und Protestanten" würdigt. Wie der Rezensent hervorhebt, folgen Jens' Exegesen biblischer Texte, seine Arbeit mit der Sprache des Religiösen und ihrem großen Schlüsseltext, Luthers Bibelübersetzung, einem roten Faden, den Kuschel mit seiner materialreichen Untersuchung dankenswert kenntlich mache. Die Fragen der Christlichkeit seien dabei von jenen der Sprache nicht zu trennen, erklärt der Rezensent. "Am Ende profitiert die Theologie von Walter Jens' umfangreichem Werk gleich doppelt", resümiert der Rezensent Kuschels Untersuchung, "in Fragen der Exegese und der Ästhetik."
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