Im letzten Jahrzehnt wurde vieles zu den innerdeutschen Beziehungen publiziert und damit der Eindruck vermittelt, alles sei mittlerweile gesagt und geschrieben. Wer Karl Seidels Erinnerungen liest, wird sich korrigieren. Es gibt noch immer Unveröffentlichtes und Wissenswertes. Seidel äußert sich zu Strategien der DDR in ihrer Politik gegenüber Bonn, den taktischen Finten, die Honecker schlug, und den Bemühungen der DDR-Diplomaten, sich auch gegenüber dem Klassenfeind diplomatisch zu verhalten. Er macht deutlich, wie kompliziert Außenpolitik unter den Bedingungen des Kalten Krieges und der Entspannung war - und wie erfolgreich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2003
Die Erinnerungen Karl Seidels zeigen den ehemaligen Leiter der BRD-Abteilung im DDR-Außenministerium nach Ansicht von Rezensent Joachim Scholtyseck als einen Diplomaten, der auch heute noch kaum an der Richtigkeit seines eigenen Handelns zweifelt. Kritisch merkt Scholtyseck an, dass bei Seidels "bisweilen langatmigen" Schilderungen mancher alltäglicher diplomatischer Quisquilien zwischen Bonn und Ost-Berlin leicht aus dem Blickfeld gerate, dass es sich grundsätzlich um Verhandlungen zwischen einer Demokratie und einer Diktatur handelte. Nur gelegentlich, findet Scholtyseck, blitzt diese Tatsache in Seidels Erzählung auf, etwa, wenn er die Hintergründe der Ausweisung des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe Ende 1976 wiedergebe. Scholtyseck wirft Seidel zudem vor, dass er zwar zugestehe, dass im östlichen Bündnis eklatante Fehler gemacht wurden, seine eigene Beteiligung am Menschenschacher jedoch bagatellisiere. Was das Ende der DDR angehe, könne Seidel lediglich lamentieren, dass in der Außen- und Wirtschaftspolitik Fehler gemacht wurden. Bezeichnend findet Scholtyseck schließlich auch die Empörung des Autors über die Nachbarländer Tschechoslowakei und Ungarn, die den ostdeutschen Staat fallengelassen hätten.
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