"Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf - ist das nicht gerade jene paradoxe Aufgabe selbst, welche sich die Natur in Hinsicht auf den Menschen gestellt hat? Ist es nicht das eigentliche Problem vom Menschen?" Nietzsches Frage scheint auf den ersten Blick irrig, übertrieben wie eben immer. Doch haben die letzten Dekaden gelehrt, daß man gut daran tut, ihn gerade da besonders ernst zu nehmen, wo man ihn am weitesten von sich weisen möchte: in seinen Exzessen und Obzessionen, seiner Rhetorik. Und so stößt man auch hier auf Erstaunliches: "Das Versprechen" nämlich vermag tatsächlich etwas über "das eigentliche Problem vom Menschen" verraten - denn es birgt Wissen nicht nur über die Regeln und Konventionen seines Zusammenlebens mit anderen Menschen, sondern über das Wesen dieses Zusammenlebens, das Nietzsche - darin seinen Überlegungen zur Sprache verwandt - als eine dem Sozialen eigene "Rhetorik" zu verstehen nahelegt. Auszubuchstabieren, was dies bedeuten könnte: dies ist Ziel und Anliegen der vorliegenden Untersuchung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.09.2003
Eine "akademische Hochleistung" erblickt Rezensent Manfred Geier in Tobias Klass' umfangreicher Dissertation über die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprache und sozialer Wirklichkeit. Leicht lesbar findet Geier die philosophische Untersuchung gleichwohl nicht. Das liegt seines Erachtens daran, dass sich Klass nicht auf die Fragen konzentriert, die ihn ursprünglich interessierten, auf Nietzsches' Fragen nach dem Tier, das versprechen kann etwa. "Nietzsches Sätze hätten Klass auch als Leitfaden durch das Labyrinth dienen können, in das sie ihn gelockt haben", hält Geier fest. Statt dessen habe Klass alles zusammengelesen, was ihm über das Phänomen des Versprechens begegnete. So widme er sich zunächst ausführlich der geistigen Entwicklung des Berkeley-Philosophen John Searle, von dessen Sprechakt-Theorie über die Intentionalitäts-Philosophie bis zur Sozialontologie seines Spätwerks, um dann auf David Humes Theorie des "moral sense" einzugehen und schließlich Nietzsches Genealogie-Konzept, seine Moralvorstellung, Sprachphilosophie und "Rhetorik des Sozialen" zu entfalten. Zum Bedauern des Rezensenten verliert er dabei sein eigentliches Thema, das Versprechen, über weite Strecken aus den Augen. Nichtsdestoweniger gibt sich Geier versöhnlich: "diese Abwege schmälern nicht den Reiz, nach der Lektüre vor allem wieder über Nietzsches Übergriffen nachdenken zu wollen".
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