Unser Ole
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2024
ISBN
9783462050172
Gebunden, 240 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Die einst bildschöne Ida ist alt und vom Leben, den Männern und sich selbst enttäuscht. Um nicht völlig zu verarmen, arbeitet sie gelegentlich als Model bei Seniorinnenmodenschauen. In einem Kaufhaus begegnet sie Elvira, die ihren Enkel Ole betreut, genauer: ihn abwechselnd schikaniert und verwöhnt. Als Ida ihre Wohnung verliert, lockt Elvira, die den Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen hat und doch nichts mehr fürchtet als die Einsamkeit, die Freundin in ihr Landhaus, denn sie braucht Hilfe mit dem unberechenbaren, spätpubertierenden Hünen Ole. Eines Morgens kommt es zu einem tragischen Ereignis, das Oles Mutter Manuela auf den Plan ruft. Sie hat ihren Sohn seit dessen erstem Lebensjahr nicht mehr gesehen. Während die Frauen einander misstrauisch umkreisen, entblättern sich ihre Familiengeschichten, ihre Biografien, ihre seelischen Verletzungen.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2024
Das Böse der Menschen, drastisch verdichtet, liest Rezensent Jan Wiele aus Katja Lange-Müllers Roman heraus. Was die Figuren sagen ist "knallhart und sarkastisch", manchmal "menschenverachtend". Zum Beispiel in Bezug auf Ole, den geistig behinderten Sohn von Manuela, der in Verdacht gerät, die Großmutter Elvira die Treppe hinuntergestoßen zu haben. Elvira, so kristallisiert sich im Lauf der Handlung heraus, war ein Aas und machte ihrer Tochter und dem Enkel das Leben zur Hölle. Unter dieser düsteren Oberfläche steckt eine Kritik an der patriarchalen Sicht auf Frauen in der DDR, macht der Rezensent klar, und die "Leidensgeschichte" von Tochter Manuela erzählt auch von schrecklichen Frauenbildern. Eine verhängnisvolle Kette entsteht: Opfer, die zu Tätern werden und neue Traumata produzieren und so geht es immer weiter - Lange-Müller hat eine Gesellschaftsanklage geschrieben, so Wiele, und die bezieht sich nicht nur auf die DDR.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 16.10.2024
Der psychologische Realismus ist auch heute noch erhellend. Das beweist der neue Roman von Katja Lange-Müller für Rezensenten Carsten Otte, der mit Lob nicht spart. Lange-Müller lasse ihre Figuren sich in Reden und Monologen offenbaren, ohne dass ihre Prosa sentimental werde. Die alte Dame Ida zieht in das Haus der Witwe Elvira ein, in der Hoffnung, sich damit einen dauerhaften Wohnsitz erworben zu haben. Doch dort wird sie mit familiären Machtverhältnissen konfrontiert, denn auch die Tochter der Witwe spekuliert auf eine Erbschaft. Trotz der weniger zugänglichen Dramaturgie sei dieses Kammerspiel perfekt konstruiert, meint der Rezensent, für den sich Lange-Müller einmal mehr als Meisterin des "bösen Blicks" erweist. Denn der Roman zeige einmal mehr, wie sehr Menschen dazu neigen, sich an Vermögen zu klammern, die andere einst verdient haben.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.09.2024
"Unvergessliche Parabeln vom Dasein" schreibt Katja Lange-Müller, so Rezensent Jan Röhnert, auch ihr neues Buch weiß dahingehend zu überzeugen. Es geht um drei Frauen, Ida zieht bei ihrer Bekanntschaft Elvira ein, die sich seit dessen Geburt um ihren autistischen Enkel Ole kümmert, seine Mutter Manuela wird von Lange-Müller als traumatisiert geschildert, lesen wir. Mit dem Tod Elviras werden Abgründe und Wunden wieder aufgerissen, schildert Röhnert, in Anlehnung an Johann Peter Hebel kommt es zu einem "Unverhofften Wiedersehen" mit dem, was man eigentlich lieber verdrängt hätte. Die Autorin schaut ohne Kitsch und Pathos "gnadenlos" auf Hilflosigkeit, Scham und Trauma, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.09.2024
Nachhaltigen Eindruck hinterlässt Katja Lange-Müllers neuer Roman laut Rezensentin Cornelia Geißler. Drei Frauen, die allesamt unfähig sind, ihr Kind zu lieben, stehen im Mittelpunkt - und eines dieser Kinder, nämlich Ole, ein lernbehinderter Jugendlicher. Die Frauen sind, zählt Geißler auf: Oles Oma Elvira, seine Mutter Manuela, sowie Ida, eine Freundin Elviras, die bei Ida einzieht, als sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Lange-Müller hält die Figuren auf Distanz, beschreibt Geißler, ihre präzise Sprache schlägt ins Groteske aus. Außerdem identifiziert die Rezensentin diverse Spuren, die die Autorin zum Werk Franz Kafkas gelegt hat, wie etwa Käferzeichnungen. Das Buch lädt, freut sich Geißler, aufgrund seines Beziehungsreichtums zur mehrmaligen Lektüre ein, und es beschreibt Menschen gerade in ihren Schwächen außergewöhnlich gut. Abschließend spekuliert Geißler darüber, wie viel Autobiografisches in dem Buch steckt und erläutert, wie in die durchaus düstere Figurenkonstellation doch noch ein wenig Mitgefühl eingeführt wird.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.09.2024
Roman, wahre Geschichte, oder, wie die Autorin es selbst beschreibt, Prosadrama? Ganz egal, großartig ist es in jedem Fall, das neue Werk Katja Lange-Müllers, findet Rezensent Michael Krüger. Es spielt, lernen wir, in einem altmodischen, halb verfallenen Haus, in dem zwei alte Frauen, Ida und Elvira, sich um Ole kümmern, Idas geistig beeinträchtigten, jugendlichen Enkel. Besonders erfreut sich Krüger an der Sprache, die Lange-Müller ihren Figuren in den Mund legt und die jenseits aller Korrektheit lebensecht ist. Krüger beschreibt die Figuren und umreißt die Erzählhandlung, die in Schwung kommt, als Elvira tot aufgefunden wird. Das Buch dreht sich um nach bürgerlichen Maßstäben Gescheiterte, so Krüger, aber Lange-Müller verurteilt ihre Figuren nie und nähert sich ihnen auch nicht in sozialkritischer Absicht, sondern entwirft eine regelrechte Tragödie ohne Katharsis. Ein tolles, trauriges Buch, das einem nahe geht, hat Lange-Müller geschrieben, freut sich der Rezensent, und vielleicht ist das sogar, schließt seine Rezension, der ehrlichste Wenderoman - weil hier nichts beschönigt und noch nicht einmal eine in sich geschlossene Erzählung präsentiert wird.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 02.09.2024
Zwei alte Frauen bilden im neuen Roman von Katja Lange-Müllers, erzählt Rezensentin Meike Feßmann, eine Zweck-WG: die West-Berlinerin Ida und Elvira, die aus dem Osten stammt. Die beiden ziehen zusammen und kümmern sich gemeinsam um den jugendlichen Ole, Elviras Enkel, die dritte Hauptfigur des Romans. Lange-Müller kultiviert auch in diesem Buch ihren eigenwilligen Stil, beschreibt Feßmann, der in grotesker Manier Grauen und Humor verbindet, dabei aber aller dargestellten Grausamkeit zum Trotz fürsorglich bleibt. In diesem Fall heißt das zum Beispiel, dass Elvira, die außerdem bald stirbt, und die sehr auf ihr Äußeres bedachte Ida, Feßmann zufolge gerade keine selbstlosen Helferinnen, sondern vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Elviras Tod mündet, verrät die Kritikerin, in einer Krimigeschichte, gleichzeitig schwingen jedoch auch Märchenmotive mit, selbst Franz Kafka spukt im Hintergrund herum. Insgesamt erzählt dieses Buch von ziemlich zerrütteten Verhältnissen und fehlender Mutterliebe - das alles ist, findet Feßmann, lebensecht, finster und insgesamt richtig großartig.