Bücherbrief

Zeitenwende für die Literatur

09.09.2024. Wir haben die besten Lektürefrüchte des Spätsommers geerntet: Clemens Meyer begibt sich mit Karl May und Lex Barker auf einen wilden Ritt durch die Geschichte Jugoslawiens, Katja Lange-Müller erzählt in einem ruppig-wahrhaftigen Wenderoman von einer konfliktreichen Alters-WG, David Wagner entfaltet in aller Ruhe die filmhafte Lebensgeschichte der armenischen Türkin "Verkin" und Ilko-Sascha Kowalczuk fragt, warum so viele Ostdeutsche die Demokratie verachten.
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Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Clemens Meyer
Die Projektoren
Roman
S. Fischer Verlag. 1056 Seiten. 36 Euro

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Clemens Meyers monumentaler neuer Roman steht auf der diesjährigen Longlist - und in der Welt ruft Richard Kämmerlings direkt die "Zeitenwende für die Literatur" aus. Um das Karl-May-Universum herum hat Meyer die Handlung seines neuen Romans gesponnen - aber seine Hauptfigur Cowboy ist ganz und gar kein Westernheld. Cowboy wurde in Belgrad geboren, durch die Nazis verliert er seine Familie, wird später Kommmunist und viel später Statist bei den Verfilmungen der Karl-May-Bücher. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil dieser fantasievollen, an Erzählsträngen reichen Geschichte, wie Judith von Sternburg in der FR schwärmt. Es geht außerdem um den "Dr. May" selbst, der nämlich nicht nur Winnetou und Old Shatterhand, sondern sich auch einen Doktortitel erdichtet hat. Zudem geht es um ein Kino in Novi Sad (damals Jugoslawien), in dem die titelgebenden Projektoren stehen, sowie eine Leipziger Irrenanstalt, erfahren wir. Für Zeit-Kritiker David Hugendick ist dieser Tausendseiter keine Zeile zu lang - manchmal kann die hochkomplexe Konstruktion vielleicht ein wenig überfordernd sein, aber einer so "literarisch hochgebildeten" und streckenweise meisterlichen "Überwältigungsprosa" ergibt sich der Kritiker ohne Zögern. "Bahnbrechend" findet es Richard Kämmerlings in der Welt, wie Meyer die blutige Geschichte Jugoslawiens erzählt: da sitzen dann Lex Barker und ehemalige Partisanen am Lagerfeuer in der kroatischen Ebene zusammen und reden über reale Kriegserlebnisse, während sie gemeinsam Indianerfilme drehen, fasst der Kritiker fasziniert zusammen. So schickt Meyer seinen Cowboy auf einen wilden Ritt durch das zwanzigste Jahrhundert und die Kritiker reiten begeistert mit.

Katja Lange-Müller
Unser Ole
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 240 Seiten. 24 Euro

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Gerade läuft Katja Lange-Müllers Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2" über die Frauen in der DDR in den Kinos, zeitgleich erscheint ihr neuer Roman, der uns ebenfalls von zwei Frauen erzählt: Die West-Berlinerin Ida und Elvira, die aus dem Osten stammt, bilden eine Zweck-WG: Ida hat gerade ihre Wohnung verloren und muss sich um ihren autistischen Enkel Ole kümmern, Elvira, die den Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen hat, fürchtet nichts mehr als die Einsamkeit. Bis zu Elviras Tod umkreisen die beiden Frauen sich misstrauisch, lassen einander aber auch an ihren Biografien teilhaben. Dlf-Kritikerin Meike Fessmann bewundert einmal mehr den eigenwilligen Stil der Autorin, die mit "groteskem Humor" vom Grauen erzählt. Mehr noch: "Ruppig, wahrhaftig, trostlos", aber doch nachsichtig mit ihren Figuren rechnet Lange-Müller anders als jüngst Anne Rabe nicht mit der DDR ab, sondern baut ein so lebensechtes wie finsteres "Prosadrama" über fehlende Mutterliebe, in dem Märchenmomente ebenso auftauchen wie Krimi-Elemente a la Agatha Christie. Und wenn schließlich noch Kafka im Hintergrund herumspukt, ist Fessmann vollends glücklich. Für den SZ-Kritiker Michael Krüger ist das vielleicht der ehrlichste Wenderoman der letzten Zeit: Weil hier nichts beschönigt und noch nicht einmal eine in sich geschlossene Erzählung präsentiert wird, meint er. Und so kann er dieses tolle, traurige "Kammerspiel", das auf Sozialkritik verzichtet, und ganz auf "derb-komische" Sprache jenseits der politischen Korrektheit setzt, unbedingt empfehlen.

David Wagner
Verkin
Roman
Rowohlt Verlag. 400 Seiten. 26 Euro

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Hymnische Besprechungen gibt es für den neuen Roman von David Wagner: Die titelgebende "Verkin" ist eine armenische Türkin, die aus einer reichen Unternehmerfamilie stammt, in Istanbul lebt und auf ihre aufregende, geradezu filmhafte Lebensgeschichte zwischen Tahirplatz, Schweizer Internat, Paris im Mai 68, politischer Arbeit in der AKP,  drei Ehemännern und Begegnungen mit Yoko Ono, Papst Benedikt, Angela Davis oder Jimi Hendrix zurückblickt. Ihr zur Seite setzt Wagner einen Erzähler, der ebenfalls David Wagner heißt und mit Verkin durch Istanbul flaniert. In der taz bewundert Dirk Knipphals, wie die Geschichte der Türkei, Deutschlands und Armeniens in diesem Buch ganz "ruhig entfaltet" wird. Ein Roman, der mit Autofiktionalität spielt - und dabei zeigt, was Literatur kann: Nämlich den literarischen Momenten des Lebens nachspüren, schließt er. FAZ-Kritiker Andreas Platthaus erscheint die titelgebende Verkin derart lebensecht, dass er fast vergisst, dass es sich um eine fiktive Figur handelt. Und einige Nebenfiguren gehören für den Kritiker "zum Schönsten", was er in letzter Zeit gelesen hat. Dieses als Dialogroman angelegte Buch ist ein "großer Wurf", versichert er. Im Dlf empfiehlt Thomas Palzer den Roman, in der Zeit hält Adam Soboczynski "Verkin" für Wagners "bestes, ausgereiftestes Werk". Für den Spiegel trifft sich Arno Frank mit Wagner - und einer Freundin namens Verkin Arioba Kasapoğlu in Istanbul.

Sarah Brooks
Handbuch für den vorsichtig Reisenden durch das Ödland
Roman
C. Bertelsmann Verlag. 416 Seiten. 24 Euro

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Die britische Sinologin Sarah Brooks ist in ihrer Heimat offenbar vor allem für Kurzgeschichten bekannt, nun liegt ihr Debütroman vor, für den sie eine Gruppe unterschiedlichster Reisender im Jahr 1899 in den Transsibirien-Express setzt: Schnell gerät die Zugfahrt allerdings aus der Bahn, als im sogenannten "Ödland" zwischen Peking und Moskau gespenstische und angsteinflößende Dinge passieren, resümiert Martin Oehlen in der FR: Weitere geheimnisvolle Reisende treten auf, Scharfschützen, eine 16-jährige Heldin, die im Zug geboren wurde, Menschenhaut mutiert und ein seltsames Wesen taucht auf, erzählt Oehlen, der eine Menge Spaß hatte mit diesem Roman, der sich zwischen Liebes- und Abenteuergeschichte, Fantasy- und Ökoroman bewegt und "lustvoll auf die Fantasie" setzt. Im Guardian empfiehlt Suzi Feay die Geschichte als "Steampunk-Klimafiktions-Öko-Fabel mit einem Schuss Romantik": Ein lebendiger, fantasievoller Roman, der viele eindringliche Bilder beschwört, schließt sie.

Zdravka Evtimova
Maulwurfsblut
eta Verlag. 192 Seiten. 21,90 Euro

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Wann erfahren wir schon mal etwas aus dem bulgarischen Pernik, einer Provinzstadt unweit von Sofia? "Bulgarien in der Nussschale" zu Zeiten der Transformation verspricht uns der Klappentext - und die KritikerInnen stimmen nach der Lektüre gern zu. NZZ-Kritiker Jörg Plath lernt in den rätselhaften und zugleich zupackenden Kurzgeschichten von Zdravka Evtimova, die seit langem im Verteidigungsministerium arbeitet, selbstbewusste Bulgarinnen kennen, die in einem von den im Ausland arbeitenden Männern verlassenen, aber immer noch patriarchal organisierten Land ihr Leben meistern: Er begegnet einer jungen Angestellte, die auf die Avancen ihres Vorgesetzten gleichgültig reagiert, im Restaurant die halbe Speisekarte verzehrt und dann verschwindet; in einer anderen Geschichte verkauft eine Frau die Einrichtung ihres abwesenden Mannes "bis hin zum Badewannenstöpsel". Diese in einem teils an komische Genres, teils ans Märchen erinnernden Ton geschriebenen, spannenden und zugleich einfühlsamen Geschichten empfiehlt Plath gerne. Für die Dlf-Kultur-Kritikerin Olga Hochweis ist Evtimova eine Meisterin der kleinen Form, deren von Stolz und Melancholie kündende Miniaturen ihn an Alice Munro erinnern.


Sachbuch

Charly Hübner
"Wenn du wüsstest, was ich weiß..."
Der Autor meines Lebens
Suhrkamp Verlag. 125 Seiten. 20 Euro

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Den Schauspieler Charly Hübner kennen wir nicht zuletzt als rauhbeinigen Polizeiruf-110-Ermittler, nun tritt er als Autor hervor - und erntet Begeisterung. Denn Hübner schreibt derart leidenschaftlich über Uwe Johnson und dessen Roman "Jahrestage", dass sich die Kritiker beiden Autoren gar nicht mehr entziehen können. Es ist vor allem die mecklenburgische Herkunft, die beide verbindet: Als die "Jahrestage" erschienen, war Hübner Abiturient, im Buch erkannte er nicht nur seinen Heimatort, der Text zeigte auch Überschneidungen mit Hübners eigener Familiengeschichte, erfahren wir. Für FAZ-Kritiker Paul Ingendaay ist Hübners Buch eine außerordentliche "Versenkungsschule", die ihn lehrt, wie wichtig langsames Lesen ist, um die verschiedenen Sinnebenen von "langen Wellen" und "Buckeln mit Muskelsträngen" zu erforschen und den Gedanken beim Wachsen zuzusehen. Hübners Dreh, Johnson als Pionier des visuellen Erzählens und der schnellen Schnitte zu präsentieren und seine eigene DDR-Sozialisation in den Ring zu werfen, um sich und dem Leser Johnsons Texte zu erschließen, geht gut auf, findet Helmut Böttiger im Dlf: Das Buch ist nicht nur eine originelle Johnson-Hommage, sondern auch eine Reflexion über das deutsch-deutsche Verhältnis nach 1989, meint er. Hübner glaubt, dass Johnsons Werk uns gerade angesichts heutiger Ost-West-Debatten noch einiges zu sagen haben - dem schließt sich Michael Pilz in der Welt gern an.


Ilko-Sascha Kowalczuk
Freiheitsschock
Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute
C.H. Beck Verlag. 240 Seiten. 22 Euro

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Der in Ostberlin geborene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ist nicht nur Verfasser einer monumentalen, zweibändigen Ulbricht-Biografie, sondern auch gern gebuchter Interviewpartner, der nicht an polemischen Kommentaren über den Osten spart. Noch vor den Wahlen in Thüringen und Sachsen warf er vielen Ostdeutschen nicht nur vor, sich nachträglich zu Revolutionären von 1989 zu stilisieren, sondern auch in hohem Maße empfänglich für autoritäre Strukturen zu sein: "Viele hängen autoritären Staats- und illiberalen Demokratievorstellungen an, siehe Putin und Orban, und sehnen sich nach einer Diktatur der Mehrheit" (unser Resümee). Wenig überraschend sind für Kowalczuk entsprechend die Wahlerfolge von AfD und BSW, denn beide Parteien hätten einen Hang zum Autoritarismus, ergänzte er im Tagesspiegel-Gespräch (unser Resümee). Noch deutlicher wird der Historiker im aktuellen Buch, indem er den Ostdeutschen vorwirft, die repräsentative, liberale Demokratie nicht verstanden zu haben: Das Verhältnis zu Staat und Politik bleibe "unreif, infantil und paternalistisch, faul, fordernd und dauerenttäuscht zugleich. Man hübscht sich die Vergangenheit mit Geschichtslügen auf, spricht von Solidarität, wo es keine gab, ergeht sich in Gekränktheit, Selbstmitleid und Ostalgie", resümiert Gustav Seibt in der SZ. Das ist natürlich äußerst polemisch, räumt Seibt ein, aber insofern auch richtig, weil Kowalczuk den Demokratieverächtern in Ostdeutschland eindringlich klarmache, wie kostbar eine liberale Demokratie ist. Neben Oschmann und Mau einer der wichtigsten Beiträge zur Befindlichkeit der Ostdeutschen, meint Seibt. taz-Kritiker Gerrit ter Horst kann weniger gut mit Kowalczuks Wut umgehen, zudem beklagt er, dass der Autor ökonomische Fragen ausklammert. Ebenfalls lesenswert: Ines Geipel mit ihrem gerade erschienenen Buch "Fabelland" (bestellen), in dem sie auf ihrer Reise durch den Osten und die Zeit der Wiedervereinigung ebenfalls dem Zorn der Ostdeutschen nachspürt, aber zu dem Schluss kommt: Der Osten hat gewonnen, weil er seine "Opfererzählung" erfolgreich durchzusetzen wusste, wie Moritz Rudolph in der FAZ resümiert.

Kate Crawford
Atlas der KI
Die materielle Arbeit hinter den neuen Datenimperien
C.H. Beck Verlag. 336 Seiten. 32 Euro

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Auf Bücher, die die Chancen und Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz betrachten, werden wir wohl noch warten müssen. Aber Kate Crawfords Atlas der KI beleuchtet einen Bereich, der noch nicht so häufig angesprochen wurde: Sie blickt in den "Maschinenraum" hinter der Künstlichen Intelligenz - und zwar so faszinierend wie instruktiv, verspricht uns Dlf-Kultur-Kritikerin Vera Linß. Die amerikanische KI-Professorin, die zehn Jahre ihrer Forschungsergebnisse und Reisen summiert, zeigt uns, wieviel an Rohstoffen und menschlichen Ressourcen KI benötigt: KI hat einen enormen Energiebedarf und begünstigt den Klimawandel, lernt Linß. Amazon nutzt KI zudem, um seine Mitarbeiter im Akkord arbeiten zu lassen und effektiv auszubeuten. Dass außerdem noch jede Menge Daten ohne Zustimmung erhoben werden, entzaubert diese Technologie zusätzlich, hält die Kritikerin fest. Wie sehr KI Umwelt und Demokratie bedroht, wird der Kritikerin erst durch dieses Buch klar. Auch die FAZ-Rezensentin Ulla Fölsing lernt dank Crawfords überzeugenden und gründlich fundierten Darstellungen, dass KI "weder künstlich noch intelligent" ist: Die immense Ausbeutung billiger Arbeiter und seltener Erden wird ebenso beleuchtet wie die Gefahr des normativen Denkens, die von maschinell gesteuertem Lernen ausgeht, bemerkt Fölsing. Im FAS-Gespräch wünscht sich Crawford entsprechende mehr öffentliche Kontrolle über KI-Systeme, denn: "Wenn man ein KI-System trainiert, kommt man nicht umhin, dass man es auch mit einer Weltanschauung trainiert" (unser Resümee). Ob man auch etwas über mögliche positiven Seiten der KI erfährt, sagen die Kritiker nicht.

Tara Zahra
Gegen die Welt
Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Suhrkamp Verlag. 448 Seiten. 36 Euro

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"Warum und in welcher Weise wandten sich nach 1918 so viele Menschen gegen die Welt?", fragt die amerikanische Historikerin Tara Zahra in der Einleitung zu ihrer Globalgeschichte der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die goldene Epoche von Globalisierung, internationaler Kooperation und Weltoffenheit gimg mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende. In der Zwischenkriegszeit gewannen rund um den Globus Nationalismus, Protektionismus und Fremdenfeindlichkeit die Oberhand - wem das bekannt vorkommt, der liegt ganz richtig. Die Parallelen zwischen heute und damals treten klar zu Tage, wie NZZ-Kritiker Ulrich M. Schmid überzeugt feststellt. Mit "scharfem" Blick für Details und unterhaltsam schildert Zahra die Welt der Zwischenkriegszeit, pflichtet Wolf Lepennies in der Welt bei, hauptsächlich in Europa, aber auch in den USA oder Indien. Besonders interessant findet der Kritiker die Passagen über "Binnenkolonien" Österreichs, Italiens und Deutschlands, die sich als Bollwerke gegen eine Weltwirtschaft formierten. Es war eine frühe Antiglobalisierung, die mit einem "rabiaten Antisemitismus" Hand in Hand ging, so Lepenies. Stephan Speicher hätte über manche Themen, die die Historikerin anschneidet, gerne mehr gewusst, schreibt er in der FAZ, betont aber auch, dass es Zahra gelingt, durchaus spannend über diese Zeit von Misstrauen, Abgrenzung und allgemeinen Autarkiebestrebungen zu schreiben und legt den Lesern dieses Buch nicht zuletzt aufgrund von Zahras (er)-kenntnisreicher länderübergreifenden Perspektive ans Herz.

Julia Friedrichs
Crazy Rich
Die geheime Welt der Superreichen
Berlin Verlag. 384 Seiten. 24 Euro

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"Wenn man das ultimative Symbol für Dekadenz und Sinnlosigkeit sucht, landet man zwangsläufig bei Superyachten", meint Julia Friedrichs, die sich für ihr neues Buch an die Fersen der Superreichen geheftet hat. Im Vorwort zum Buch teilt Friedrichs mehr kuriose Details aus diesem Kosmos: Da ist die Millionärsgattin, die die Möbel auf ihrer Luxusyacht gerne mit Rochenhaut überzogen haben will - als das Werk nach langen Mühen fertig ist, gefällt es ihr aber nicht - der Bezug wird wieder gegen Leder ausgetauscht. Was das gekostet hat, verrät uns Friedrichs nicht. Man bekommt aber eine grobe Vorstellung, wenn der Journalist Rupert Neate, den Friedrichs zitiert, als Beispiel anbringt, dass man mit dem Geld, das man braucht um 6000 Superyachten nur ein Jahr in Stand zu halten, die Schulden aller Entwicklungsländer bezahlen könnte. Um mal auf die nationale Ebene zu blicken: In wenigen Ländern auf der Welt ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Deutschland und wird größtenteils nur vererbt, hält Julia Friedrichs im SZ-Interview mit Thore Rausch fest. Und dabei weiß man viel zu wenig über dieses Thema, ruft Susanne Billig bei Dlf Kultur, die froh ist von Friedrich hier mehr zu erfahren: Manche Superreiche machen sich durchaus Gedanken über Ungleichheit, erfährt die Rezensentin, was ihr Reichtum zum Beispiel aus Gerechtigkeitsperspektive bedeutet, andere, wie etwa der Müllermilch-Magnat Theo Müller, quälen die Autorin mit frauenfeindlichen ökonomischen Traktaten von anno dazumal und sagen dann ein bereits zugesagtes Gespräch ab. Aufschlussreich findet auch FAZ-Rezensentin Melanie Mühl die Recherche: Keineswegs geht es Friedrichs darum, Reiche persönlich anzugreifen, stellt sie klar, durchaus jedoch wird in dem Buch die Frage gestellt, welche zum Beispiel auch ökologischen Konsequenzen der Wunsch nach persönlichem Luxus haben kann.

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