Laszlo Földenyi

Der lange Schatten der Guillotine

Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts
Cover: Der lange Schatten der Guillotine
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751820400
Gebunden, 302 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Akos Doma. Schon vor der Französischen Revolution gab es gelegentliche Hinrichtungen durch das Fallbeil, aber erst ab 1791 kommt der Tod auf dem Schafott flächendeckend und für alle zum Einsatz. Bis dahin entschieden der gesellschaftliche Stand und die Art des Verbrechens über die Wahl der Hinrichtungsmethode. Nun hält die Industrialisierung des Tötens Einzug. Denn vor der Guillotine werden alle gleich.Und während die Zeitgenossen angesichts all der abgeschlagenen Köpfe noch rätseln, ob das Bewusstsein der Geköpften vom Körper getrennt noch weiterleben kann, entwirft László F. Földényi in seinem bildreichen Essay seine ganz eigene Erzählung des langen 19. Jahrhunderts - ausgehend von unserem Eintritt in die Kopflosigkeit. Zur gleichen Zeit hält auch die neue Technik der Fotografie Einzug. Erst ihre flächendeckende Verbreitung ermöglicht es, den Moment aus der Vergänglichkeit des Lebens zu lösen, ihn gleichermaßen zu verewigen wie zu töten. Das führt nicht nur zu einem neuen Verständnis von Zeit und Raum, sondern zu einer Veränderung der Wahrnehmung selbst. Als würde der Schnitt des Fallbeils sich ab da unendlich fortsetzen, wirkt fortan alles fragmentiert: die Körper, die Stadt, die Dichtung und die Malerei. Ein ganz und gar neues Bild des Menschen entsteht, das ihn als ein bizarres, ein gewaltlüsternes, ein kopfloses Wesen zeichnet und das bis in unsere Gegenwart fortwirkt. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.03.2025

Ein faszinierendes Buch hat László F. Földényi geschrieben, findet der hier rezensierende Historiker Volker Reinhardt, der prospektive Leser allerdings auch warnt: Sie sollten schon wissen, worauf sie sich hier einlassen. Thema des Buches ist der lange Schatten der Guillotine, also jener Enthauptungsmethode, die 1792 erstmals in Paris eingesetzt wurde und von Anfang an die Pariser Zeitgenossen faszinierte. Unter anderem interessierten sie sich dafür, wie die Guillotinierten ihre eigene Guillotinierung erlebten, erfahren wir. Im Stil der Surrealismus assoziiert sich der Autor laut Reinhardt durch die Sozial- und Technikgeschichte, für ihn hat auch die Fotografie mit der Guillotine zu tun, da sie in ihrer Frühphase aufgrund langer Belichtungszeiten Menschen aus den Bildern heraus löschten; während die Pariser Stadtplanung in Földenyis Assoziation eine menschenfeindliche urbane Umgebung schuf. Ziemlich schwindelerregende Gedanken versammelt dieses die Wege des Unterbewussten erkundende und am Ende gar der "Enthirnung" der Menschen das Wort redende Buch, so Reinhardt, der das mit Interesse liest, aber auch ein paar mögliche Gegenargumente anbringt, etwa was die bewahrende Funktion der Fotografie betrifft. Am Ende steht eine Leseempfehlung, verbunden mit dem Hinweis auf die Gefahr von Alpträumen nach der Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.02.2025

Rezensent Hans von Trotha ist voll des Lobes für den Langessay des Kunsthistorikers László Földényi über die Kulturgeschichte der Guillotine im langen 19. Jahrhundert, der "ein aufregendes Kaleidoskop" dieser Zeit bildet. Földenyi beginnt seine Geschichte mit dem 25. April 1792 in Paris, dem Tag, an dem zum ersten Mal ein Mensch öffentlich mit der Guillotine enthauptet wurde, zieht Zeichnungen von Ingres zur Untermalung seiner Gedanken heran und zeigt, dass die Denkfigur des Schnitts nicht nur für Hinrichtungen relevant ist, sondern auch in der bildenden Kunst und später dann für den Film, so Trotha. Ihn begeistert, wie Földényi einen großen Bogen bis in den Surrealismus schlägt und dabei seine These von der Unmöglichkeit eines "gewaltlosen Schnitts" in Kultur und Geschichte nicht aus den Augen verliert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2025

Rezensentin Sonja Asal hält sich gern im langen Schatten der Guillotine auf, den dieses Buch nachzeichnet. Keine Kulturgeschichte der Guillotine hat László F. Földényi hier verfasst, stellt sie klar, auch collagenartig ist dieses Buch nicht, obwohl es oft recht assoziativ zwischen Texten, Fotografien und anderen Dokumenten hin und her springt. Eher handelt es sich um essayistische oder gar romanartige Reflexionen über einen wenig beleuchteten Aspekt der Moderne. Unter anderem geht Földényi auf medizinischen Experimente mit enthaupteten Köpfen ein, aber auch auf Pariser Stadtgeschichte sowie auf untergründige Verbindungen zwischen der Fotografie, die die Wahrnehmung fragmentiert, erklärt die Kritikerin: Die Guillotine wird in diesem Buch zum Fanal der Mechanisierung wird. Lediglich einige kulturkritische Floskeln über die grassierende Hirnlosigkeit im 20. Jahrhundert hätte sich der Autor sparen können, schließt die ansonsten - auch was Akos Domas Übersetzung betrifft - sehr angetane Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.02.2025

Rezensentin Tania Martini ist begeistert von diesen "brillant assoziierten Geschichten", mit denen der ungarische Essayist László F. Földényi die Moderne durchpflügt, an deren Beginn er die Guillotine stellt. Die öffentlichen Hinrichtungen auf der Pariser Place de Grève ab 1792 waren ein Spektakel, das bis zum Marketing (man konnte Operngläser kaufen und Miniguillotinen als Ohrringe, erzählt Martini) fast schon das 21. Jahrhundert vorwegnimmt. Für Földenyi markiert die Guillotine eine neue Zeit, in der das Fragment das vollständige Ganze ablöst und damit den Menschen in eine metaphysischen Leere stellt, erklärt die Kritikerin. Denn was ist ein Mensch ohne Kopf? Oder ein Kopf ohne Körper? Diese Zerrissenheit spiegelt sich für Földenyi auch in der Neugestaltung von Paris durch den Baron Haussmann, der die alten Viertel von Boulevards zerschneiden und die alten Häuser abreißen ließ. Die Vernunft war eingekehrt und damit die Langweile, wie viele Künstler beklagten. Die Künstliche Intelligenz ist für Földenyi auch nur die logische Fortsetzung dieser "kopflosen Moderne", lernt Martini.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.02.2025

Disruption ist wieder in, aber kaum kommt sie so "abgeklärt charmant und originell" daher, wie in dieser Ideengeschichte des ungarischen Kulturtheoretikers Lázló Földényi, freut sich Rezensentin Marianna Lieder. Dem zu Grunde liegenden Gedanken des Bandes kann sie einiges abgewinnen: Der Autor legt in seinem Essay dar, wie die Etablierung der Guillotine in Frankreich zum Ende des 18. Jahrhunderts zum "prägenden Gestaltungs- und Wahrnehmungsprinzip" aller gesellschaftlichen Bereiche, auch Kunst und Kultur, wurde - das heißt "scharfe Schnitte", Fragmentarisches und Zusammengestückeltes. Auch das ziellose Umherstreifen der Flaneure stellt der Autor in diesen Kontext, so Lieder, genau wie die radikalen Umbauten durch Baron Haussmann. Methodisch folgt der Essay, geprägt durch sprunghaftes Abwechseln zwischen Assoziationen, Beschreibungen und Analysen selbst einer guillotine-artigen Struktur, bemerkt die Rezensentin. Ein origineller Blick auf die Historie, findet Lieder.

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