Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Krümelchen wurde in der Medina von Marrakesch geboren und überflügelt seine fünf Geschwister schon als Säugling in der Kunst des Bettelns: An arme Frauen vermietet, beschert er seiner Familie ein florierendes Geschäft. Doch das Talent wird ihm bald zum Verhängnis, denn seine Mutter unternimmt alles, um das rentable Baby am Wachsen zu hindern. An einen Kinderwagen gefesselt und körperlich verkümmert, findet er immer neue Wege, sich als Attraktion zu inszenieren und den Leuten Staunen, Mitleid und Geld zu entlocken. Als er bei einem spanischen Professor heimlich lesen und schreiben lernt, eröffnen ihm die Bücher eine neue Welt. Sein Blick auf das Leben verändert sich radikal. Mit der ersten Liebe gelingt ihm die Emanzipation von der Mutter und der Beginn eines eigenständigen Lebens.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.11.2016
Rezensentin Claudia Kramatschek liest Mahi Binebines Roman als Coming-of-Age-Geschichte eines Straßenkindes in Marrakesch, das seine Gabe, die Herzen anderer Menschen zu erreichen, bitter bezahlt. Was auf die Rezensentin zunächst wie ein Märchen aus der Welt der Bettler und Gaukler wirkt, entpuppt sich für Kramatschek bald als symbolische Erzählung, in der die Figuren nicht nur Opfer sind und in der sich die Geschichte eines ganzen Landes widerspiegelt. In dieser Deutung und dem laut Kramatschek darin enthaltenen Aufruf, sich mit seiner schweren Vergangenheit zu versöhnen und ein Stück weit auf die Kraft von Bildung und Kunst zu vertrauen, liegt für die Rezensentin die Kraft des Textes.
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