Auf dem Münchner Odeonsplatz marschiert eine Gruppe von Rassisten, Antisemiten und anderen rechten Schreihälsen auf. Umringt werden sie von Polizei und Gegendemonstranten, unter ihnen der jüdische Stadtrat Felix Mandelbaum. Dann ein Zusammenstoß in der Menschenmenge - ein Anschlag? - und der Anführer der Rechten liegt im Koma. Mandelbaum wird festgenommen und inhaftiert. In einer kargen Zelle steht ihm die längste Nacht seines Lebens bevor. Die Situation ist beängstigend, sogar bedrohlich, und Mandelbaum weiß nur einen Ausweg: Er flüchtet sich in Erinnerungen. Die Szenen seines Lebens führen ihn in seine Kindheit, über den Atlantik nach Kanada und zurück ins dunkle München, in eine unverständliche Welt der Erwachsenen, in der viel gelacht, aber noch mehr über ein geheimes, schier unfassbares Grauen geweint wird. Schule, Studium, Familie, Arbeit und politischer Aufstieg … In jeder Lebensphase gehen Hoffnung, Glück und zerstörerische Erfahrungen von Antisemitismus Hand in Hand, während über allem die Frage schwebt: Kann eine deutsch-jüdische Existenz gelingen?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.07.2022
Rezensent Joachim Käppner empfiehlt nicht nur Münchnern Marian Offmans Roman, der die Geschichte eines Juden in München erzählt, von 1923, als er während der Niederschlagung von Hitlers Putschversuch verhaftet wird, bis in die Nachkriegszeit mit ihren Kämpfen um Anerkennung und Erneuerung. Wie Offmann das Thema des Holocaust und seine Folgen anhand seiner Figur verhandelt, wirkt auf Käppner eindringlich, humorvoll und durchaus optimistisch, da der Autor laut Käppner auch darüber schreibt, wie sich die von der Geschichte aufgerissenen Gräben überwinden lassen.
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