Markus Thielemann

Von Norden rollt ein Donner

Roman
Cover: Von Norden rollt ein Donner
C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN 9783406822476
Gebunden, 287 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Der Wolf ist zurück in der Lüneburger Heide. Und während Jannes - wie schon sein Vater und sein Großvater - täglich seine Schafe über die Heideflächen treibt, kochen die Emotionen im Dorf hoch. Kann Heimatschutz Gewalt rechtfertigen? Wo es vordergründig um Wolfspolitik geht, stößt er bald auf Hass, völkische Ideologie - und auf ein tiefes Schweigen. "Von Norden rollt ein Donner" ist eine Spurensuche in der westdeutschen Provinz, die Geschichte eines brüchigen "urdeutschen" Idylls. Täglich treiben der 19-jährige Jannes und seine Familie die Schafe über die Flächen der Lüneburger Heide. Doch es herrscht eine gärende Unruhe in der Gegend, der Wolf ist zurück. Es mehren sich Schafsrisse und mit ihnen Konflikte im Dorf, die schnell politisch werden. Während völkische Siedler versuchen, das Thema für ihre Zwecke in Beschlag zu nehmen, die Situation sich zuspitzt und in Selbstjustiz der Bevölkerung zu eskalieren droht, flüchtet sich Jannes zu seinen Schafen in die Heide. Doch dort wird durch eine gespenstische Begegnung plötzlich die düstere Ortsgeschichte aufgefächert, die ihren langen Schatten in die Gegenwart wirft.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.10.2024

Mit Rechtsradikalen im Osten hatte man es in der Literatur der letzten Jahre häufiger zu tun, aber dass Markus Thielemann sich nun wachsenden rechten Strömungen in der Lüneburger Heide zuwendet, ist neu, konstatiert Rezensentin Julia Hubernagel. Der Protagonist Jannes ist ein neunzehnjähriger Schäfer, wortkarg, einsam, zwischen Angst und Wut - Angst, dass der Wolf in die Heide zurückkehrt, Wut, dass niemand etwas dagegen unternimmt, so Hubernagel. Es gibt zwar keine Skinheads, aber "Wolfsangeln", Heimat und Tradition und den "antisemitischen Heidedichter" Hermann Löns - politisch ist das aufgeladen, was aber im Roman nicht überdeutlich ausbuchstabiert, sondern eher den Überlegungen der Kritikerin überlassen wird, wie diese lobt. Abschließend kommt ihr die Einteilung David Goodharts in "Anywheres" und "Somewheres" in den Sinn, letztere sind jene, die wie Jannes abgehängt in ihrem Dorf festsitzen und denen darüber auch im politischen Sinne "die Sicht verschwimmt."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2024

Rezensentin Judith von Sternburg freut sich darüber, dass dieses Buch Chancen hat auf den Deutschen Buchpreis. Denn die Geschichte, die Markus Thielemann hier erzählt, über den jungen Hirten Jannes, der in der Lüneburger Heide eine Schafherde versorgt, ist zwar nicht in jeder Hinsicht neu, wird aber mit angenehmer Seelenruhe entworfen. Ein Wolf sucht die Dorfgemeinschaft heim und ist das große Aufregerthema, erfahren wir, während ein Nazi in der Gegend kaum für Aufmerksamkeit sorgt und auch die NS-Vergangenheit, die in Verbindung mit einer Gespenstererscheinung in der Handlung auftaucht, von den Ortsansässigen verdrängt wird. Manches bleibt offen im Buch, beschreibt Sternburg, die auch die geschickt diverse Motive verknüpfende und subtile Erzählweise Thielemanns schätzt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.10.2024

Rezensent Sebastian Jutisz warnt: Markus Thielemanns Heide-Roman ist kein Naturstück, kein Schäferidyll! Stattdessen entwirft der Autor mit seinem in der Lüneburger Heide spielenden Roman das Bild einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft, gespiegelt in den Gedanken und Gefühlen eines jungen Schäfers, der den Hof vom dementen Vater übernehmen soll. Romantik? Fassade!, stellt Jutiz schnell fest. Es geht um die Rückkehr des Wolfes, die langen Schatten der Vergangenheit, Identität und Generationenkonflikte, meint er. Wie Thielemann das darstellt, fein ironisch, beklemmend, aber ohne Hochnäsigkeit, findet der Rezensent lesenswert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2024

Aktuell und wichtig findet Rezensent Ronald Düker diesen Roman von Markus Thielemann, der zur Abwechslung einmal nicht völkisches Gedankengut im Osten, sondern in Westdeutschland thematisiert.  Eine Schäfergemeinschaft, die zunächst recht archaisch anmutet, wird aufgescheucht, als ein Wolf gesichtet wird. Die Bedrohung wird zum Politikum, dass die Dorfgemeinschaft spaltet und so führt Thielemann die Leser direkt in eine öko-ethische Debatte, die zudem die ideologische Richtung der "Abschussfreunde" aufdeckt - der Wolf gehört nicht in die "deutsche Kulturlandschaft", zitiert Düker. Letztendlich ist die ganze Verfolgungsaktion eine Farce, denn in Wirklichkeit leben die Schäfer kaum noch von der Schafzucht, sondern eher vom Ökotourismus. Der Rezensent erkundet das "verdichtete" Terrain, das der Autor hier ersinnt, neugierig wie ein Ethnologe. Begeistert ist er auch davon, wie Thielemann hier gekonnt die Genres des Natur Writing und vor allem des Heimatromans dekonstruiert: Dass Heimat hier zur Heimsuchung wird, gefällt ihm einmal mehr.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2024

Rezensent Tilman Spreckelsen empfiehlt Markus Thielemanns 2014/15 spielenden Dorfroman aus der Lüneburger Heide. Dem Autor gelingt es laut Rezensent, seine Geschichte über Heimat anhand mehrerer Generationen einer Bauernfamilie zu erzählen, ohne heimattümelnd zu sein, aber auch ohne Dekonstruktion zu betreiben. Es geht um materielles wie immaterielles Erbe, bis hin zum Nationalsozialismus, um Strukturen und den Ab- und Auflösungsprozess zwischen alter und neuer Zeit, erfahren wir von Spreckelsen. Nebenbei pflegt der Protagonist übernatürliche Kontakte und positioniert sich gegen marodierende Wölfe und Querdenker. Wie sich die Hauptfigur zu alldem verhält, umkreist der Autor überzeugend, unaufdringlich und ohne etwas "auszuerzählen", lobt Spreckelsen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 03.09.2024

Gute Ansätze gibt es in diesem Buch laut Rezensentin Lara Sielmann, insgesamt kann sie Markus Thielmann mit seinem Zweitwerk jedoch nicht überzeugen. Im Mittelpunkt steht Jannes, ein Schäfer, der auf der Lüneburger Heide seinem Beruf nachgeht. Diverse Dinge machen Jannes zu schaffen, beschreibt Sielmann, unter anderem die geheimnisvolle Krankheit seines Vaters und - vor allem - Wölfe, die in die Gegend zurückkehren und auch Jannes' Herde bedrohen. Jannes wird es immer mulmiger, heißt es weiter, irgendwann bekommt er dann auch noch mystische Visionen. Solide gebaut ist das Buch schon, meint die Rezensentin, Thielemann versucht einiges, um eine düstere Schauerstimmung zu erzeugen, die Wortkargheit des Personals sorgt für Lokalkolorit. Allerdings, ärgert Sielmann sich, bleibt vieles zu oberflächlich, wie etwa Passagen zum völkischen Denken auf dem Lande, außerdem verliert sich der Autor bisweilen in ausführlichen Beschreibungen, was der Spannung abträglich ist.

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