Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg und Hanna Grzimek. 'Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?' Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Das sind drei Millionen Kinder im Jahr. Insgesamt knapp neun Millionen Menschen. Jedes Jahr. Wir wissen das, wir kennen die Zahlen. Der Hunger ist, so heißt es, das größte lösbare Problem der Welt. Es sieht aber nicht so aus, als würden wir es in absehbarer Zeit lösen. Und das ist eine Schande. Vier Jahre hat Martín Caparrós den ganzen Globus bereist, um diese Schande zu kartografieren: Er war in Niger, wo der Hunger so aussieht, wie wir ihn uns vorstellen; in Indien, wo mehr Menschen hungern als in jedem anderen Land; in den USA, wo jeder Sechste Probleme hat, sich ausreichend zu ernähren, während jeder Dritte unter Fettleibigkeit leidet; in Argentinien, wo Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen produziert werden, obwohl sich viele Bürger kein Fleisch mehr leisten können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2016
Christian Schwägerl ist nicht unbedingt ein Freund der Kapitalismuskritik, die Martin Caparros in seinem großen Report über den Hunger bedient, ohne an Moralismus zu sparen, doch kann er dem Buch auch viel Positives abgewinnen. Auf über 800 Seiten widmet sich der argentinische Schriftsteller seinem Thema, reist durch Niger, Indien und Bangladesch und zoomt sich regelrecht in das Leben der Allerärmsten hinein oder hinauf zum Future- und Derivatehandel an der Chicagoer Lebensmittelbörse. In den anschaulichen Passagen sieht der Rezensent das größte Verdienst des Buches, hier komme Caparros seinem Ziel nahe, die Normalität des Hungers als "größten Skandal unserer Zeit" ans Licht zu holen. Doch wenn Caparros systemkritisch wird, steigt Schwägerl aus, vor allem wenn ihm statt konkreter Lösungen nur verbaler Radikalismus geboten wird.
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