In kaum einem anderen westlichen Land ist Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Schere geht immer weiter auf - aufgrund steigender Mieten und Lebensmittelpreise, weil heutzutage jeder Paketzusteller prozentual mehr von seinem Lohn abgibt als ein Milliardär, aber auch, weil Steuern auf Vermögen runtergeschraubt werden und die Reichen unaufhörlich reicher werden. Diese Ungerechtigkeit ist gesellschaftliches Dynamit. Reichtum durch Arbeit? Fast unmöglich. Jeder ist seines Glückes Schmied? Nur im Märchen. Deutschland ist zu einer Gesellschaft verkommen, in der Reichtum in der Familie bleibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2025
Rezensent Gerald Wagner vermisst ein grundschlagendes Fazit in Martyna Linartas Streitschrift über die Erbengesellschaft und die lächerlich geringe Ebrschaftssteuer in Deutschland. Was die Autorin schreibt, findet Wager zwar richtig, allerdings auch hinlänglich bekannt. Auch der polemische Ton stört ihn nicht, untermauert Linarta ihren Text doch mit allerhand Statistiken. Linartas Vorschlag eines Grunderbes erscheint Wagner angesichts von 300 Seiten Argumentation allerdings zu wenig. Und wieso die Autorin anstatt mit reichen Erben wie Felix Klatten lieber mit Wirtschaftsmanagern gesprochen hat, erschließt sich Wagner auch nicht.
Rezensent Michael Wolf schließt sich dem, was Martyna Linartas hier über die Rolle von Erbschaften bei der Entstehung von Ungleichheit ausführt, weitgehend an. Die Politikwissenschaftlerin Linartas beschreibt, erfahren wir, wie Erbschaften eine Form von Ungleichheit zementieren, die nicht auf Leistung basiert - wobei die Superreichen, Linartas hat einige von ihnen für dieses Buch befragt, genau dies nach wie vor behaupten. Tatsächlich aber, argumentiert die Autorin, und unterfüttert das Wolf zufolge mit Daten und wissenschaftlichen Belegen, beruht die ungleiche Vermögensverteilung auf Lobbyarbeit der Reichen. Was dagegen tun? Linartas plädiert in diesem eine breite Öffentlichkeit adressierenden, mit Temperament, Humor und Wut im Bauch geschriebenen Buch für eine wirkungsvolle Vermögenssteuer und eine Auszahlung der Einnahmen an alle jungen Menschen. Ob das realistisch ist, weiß Wolf zwar nicht, aber gleichwohl gelinge es der Autorin hier, den geläufigen Argumentationen gegen eine Umverteilung der Vermögen viele vernünftige Argumente entgegenzusetzen.
Die deutsche Erbengesellschaft führt uns direkt zurück in die Verhältnisse des Kaiserreichs, meint im Interview mit der taz die Politikwisschenschaftlerin Martyna Linartas, die eine höhere Erbschaftssteuer und eine Vermögenssteuer fordert: "Die Erbschaftssteuer ist ein entscheidendes Mittel, um die Demokratie zu ermöglichen. Es war kein Zufall, dass der Reichsfinanzminister 1919 als Allererstes die Erbschaftssteuer erhöhte. Es sollte in der Demokratie nicht mehr entscheidend sein, in welche Familie man geboren wird. Jetzt sind wir wieder in einer Situation, in der die Lobby des großen Geldes immer mächtiger wird. Die Finanzlobby beeinflusst effektiv Steuerpolitik. Die Stiftung Familienunternehmen, die eigentlich Stiftung der deutschen Dynastien heißen müsste, hat erfolgreich die letzten Steuerreformen mitgestaltet. Die Privilegierung von Unternehmenserben geht auf ihren Einfluss zurück. Oder wie es der Leiter der Steuerabteilung der Stiftung nannte: Es war eine 'Sternstunde der Politikberatung'." Dass Unternehmen bei höheren Steuern mit Geld und Arbeitsplätzen auswandern, glaubt sie nicht: "Es existiert seit 1972 in Deutschland eine starke Wegzugsteuer. Wenn Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, von jetzt auf gleich Deutschland verlassen möchte, müsste sie auf einen Schlag mehr als 6,5 Milliarden Euro auf den Tisch legen." Unser Resümee
In der Zeit unterhält sich Elisabeth von Thadden mit der Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas über deren Buch "Unverdiente Ungleichheit", das unsere Erbengesellschaft aufs Korn nimmt. Viel zu wenig bekannt sei, so Linartas, dass "Deutschland neben Ländern wie den USA und Mexiko zu einer der ungleichsten Demokratien der Welt zählt und sich von einer Leistungsgesellschaft zu einer Erbengesellschaft entwickelt hat, in der weniger als die Hälfte aller privaten Vermögen im Laufe des eigenen Lebens aufgebaut wurde. Der größere Teil des Vermögens besteht aus Erbschaften und Schenkungen. Es läge in einer Demokratie nahe, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen diese Ungerechtigkeit protestiert und dass sie wie die Wissenschaft nach Besteuerung oder Abgaben ruft. Aber das tut sie nicht." Unser Resümee
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