Aus dem Englischen von Claudia Wenner. 2014 veröffentlichte die indische Autorin Meena Kandasamy auf Englisch den Roman The
Gypsy Goddess, der hier nun in deutscher Übersetzung geboten wird. Sie erzählt darin von
dem Massaker in Kilvenmani (Süd-Indien), bei dem 1968 vierundvierzig landlose Dalit ("Unberührbare"),
Landarbeiter, in ihren Hütten verbrannt wurden. Kinder und Frauen wurden nicht
geschont. Die Mörder wurden von Grundbesitzern beauftragt. Eine Strafaktion gegen den Anspruch
der Landarbeiter auf bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Sie hatten sich der
kommunistischen Partei angeschlossen und das Undenkbare gewagt: die Stimme zu erheben.
Ihre Bitte um eine halbe Portion Reis mehr am Tag führte zu ihrer Ermordung.
Aber was heißt, Kandasamy erzählt? Kann sie das, die 16 Jahre nach dem Massaker Geborene,
der die Geschichte nur durch mündliche Berichte, Zeitungsartikel und Gerichtsakten zugänglich
ist? Das Archivierte zeugt von einem Justizskandal. Polizei, Politiker und Richter waren
auf Seiten der Grundbesitzer und setzten sich brutal gegen die Unberührbaren durch, deren
Ohnmacht und Schweigen ein weiteres Mal besiegelt wird. Einen Roman zu veröffentlichen ist
ein Akt bürgerlicher Souveränität, eine Möglichkeit, die eine entscheidende Differenz markiert
zu den Menschen, denen Kandasamy sich widmen will. Sie ist auf der anderen Seite, verfügt
über die Macht der Sprache und des Wissens. Kollektiver Widerstand und individuelles
Handeln erhalten als Geschichte und literarisches Szenario neue Brisanz.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2016
Claudia Kramatschek kann sich der Wucht und der Drastik in Meena Kandasamys Roman nicht entziehen. Kandasamys erzählerisches Herantasten an ein 1968 von Großgrundbesitzern initiiertes Massaker an Dalits aus der Kaste der Unberührbaren in einem südindischen Dorf anhand verschiedener Stimmen und Perspektiven von Opfern und Tätern, scheint ihr in den Gewaltdarstellungen zwar mitunter die Grenze des Erträglichen zu überschreiten, wie die Autorin nüchtern und genau die repressive Feudalstruktur der Gesellschaft offenlegt, hat ihr allerdings sehr imponiert. Wenn die Autorin ihre Sympathien im Text deutlich verteilt und so ein hoffnungsvolles Ende vorschlägt, scheint Kramatschek regelrecht erleichtert. Experimentelles hat das Buch laut Rezensentin auch zu bieten, wenn die Autorin sich an die Leserin wendet und "laut" über die Arbeit und das Publikum einer tamilischen, auf Englisch schreibenden Autorin nachdenkt.
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