Stramer
Ein Familienroman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431993
Gebunden, 410 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Mikołaj Łoziński erzählt von einer einfachen jüdischen Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von ihrem Alltag, ihren Hoffnungen, Träumen und Reibereien - und von einer berührenden Verbundenheit in sich verdunkelnden Zeiten.Die winzige Wohnung in der Goldhammerstraße platzt aus allen Nähten: Nathan Stramer, seine Frau Rywka und ihre sechs Kinder schlagen sich so durch. Nathan hat sein Glück zu Beginn des Jahrhunderts in New York gesucht und ist nach einigen erfolglosen Jahren wieder nach Galizien zurückgekehrt. Sein Geschäftssinn ist so ungebrochen wie trügerisch - Tausende Kerzen, leider ohne Dochte, dann der Wagen voll Kolophonium, wie hätte er ahnen können, dass es so wenige Geiger gibt in Tarnów?Nebenbei versucht er, seine sechs Kinder auf den Weg zu bringen. Aber die Kinder haben ihre ganz eigenen Wege im Sinn. Und während Nathan sich in die nächste Geschäftsidee versteigt, die ihnen endlich den Umzug in die Neue Welt, das elegante jüdische Viertel mit den Buntglasfenstern und den verzierten Erkern bringen soll, wachsen die Kinder heran. Die Zeiten werden härter, der wachsende Antisemitismus vergiftet die gesellschaftliche Atmosphäre immer stärker. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen scheint das Ende der Familie vorgezeichnet.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2025
Mikolaj Lozinski gehört der dritten Nachfolgegeneration von Holocaustüberlebenden an, was ihn, so Rezensentin Joanna de Vincenz, auch zu diesem Roman über die Familie Stramer inspiriert hat. Die Stramers leben seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Tarnow, 80 Kilometer von Krakau entfernt, wo zu diesem Zeitpunkt fast die Hälfte der Bevölkerung jüdisch ist und das Zusammenleben gut klappt, erfahren wir. Auf detailreiche, präzise und akkurate Weise erzählt Lozinski, dass die Familie zuhause jiddisch spricht, die Kinder in der Schule assimiliert sind und der Vater ständig neue Unternehmungen verlustreich in den Sand setzt, so Vincenz, für die die bildungshungrigen und sensiblen Stramers fesselnd und schnell vertraute Figuren sind. Diese nahe Schilderung hört auch dann nicht auf, als die Familie vor den Nazis nach Lemberg flieht, so die Kritikerin, die auch die Übersetzung von Renate Schmidgall lobt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.01.2025
Rezensentin Ilma Rakusa hält Mikolaj Lozinskis Geschichte der jüdischen Familie Stramer in der polnischen Provinz für ein Ereignis. Dass der Autor sehr filmisch, lakonisch und mit Humor das Tragische dieses Familienschicksals mit Slapstick, Witz und Talmud-Zitaten auflockert, gefällt Rakusa. Zur Tragik gesellt sich laut Rakusa Spannung, wenn Lozinski die historischen Bedingungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über seine Figuren hereinbrechen lässt. Pathosgeladene Opferhistorie ist das nicht, so die Rezensentin. Lozinskis "behutsames" Erzählen lässt sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 12.10.2024
Mit "Stramer" geht Micolaj Lozinski ein Wagnis ein, weiß Rezensent Dirk Schümer: Anders als die Romane von Hanna Krall etwa oder "Schindlers Liste" erzählt Lozinski keine "Opferhistorie" und keine Heldengeschichten über die vielen polnischen Juden und Jüdinnen, die bei Hitlers Feldzug ermordet wurden, sondern nähert sich dem unsagbaren Grauen von der anderen Seite: In seiner kleinen Familiensaga wirken die Stramers fast wie eine New Yorker Großfamilie aus einem Woody Allen Film - mit ihren Tändeleien, ihren Abenteuern, ihren Geschäften, ihren Eskapaden und ihren jüdischen Witzen - mit ihrem Alltag eben. Die Leichtigkeit, der Witz, die Verve, mit der Lozinski aus diesem Alltag erzählt, findet Schümer beeindruckend. Lozinski muss das Grauen nicht benennen, muss nicht auserzählen, wie die Wehrmacht vorrückt, was die Stramers erwartet, denen eine Flucht in die Sowjetunion gelingt, und welchem Schicksal andere Familienmitglieder ins Gesicht sehen. Was der Leser an Wissen mitbringt und was der Autor andeutet, das genügt, um diesem Roman seine tiefe, tragische Grundierung zu geben, so der Rezensent.