Millay Hyatt ist leidenschaftliche Zugreisende: Es ist der Reiz der "ungepolsterten Begegnung mit der Welt", der sie noch jedes Flugzeug durch die Reise auf der Schiene tauschen lässt. Sie weiß: In der Fremde und unterwegs sieht man anders, das gilt besonders im Zug, in halber Geschwindigkeit: Das Zugfenster wird zur Verlockung, an ihm laufen bewegte Bilder, ganze Landschaftsfilme vorüber. Im Wagen selbst werden wir zu Voyeuren, die sich für die intimsten Angewohnheiten unserer Mitreisenden interessieren. Wir lauschen dem Streit fremder Paare, zeichnen Psychogramme unserer Sitznachbarn. Auf Schienen kommt ein Denken in Gang, das unsere Gewissheiten stört. Als Reisende gehen wir in eine Schule der Wahrnehmung, in der die eigene Perspektive ins Verhältnis zu anderen gesetzt wird. Die Zugreise verspricht das Glück des Aufbrechens und des Ankommens - und dazwischen die bittersüße Freude der Selbstbefragung.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2024
In Zeiten des ewigen Bahn-Bashings ist Rezensent Bernd Noack froh, die Hymne der amerikanischen Philosophin Millay Hyatt an Züge, vor allem Nachtzüge, zu lesen: Die Autorin schätzt besonders die Langstrecke, um die "Kontraste des Terrains" der verschiedensten europäischen Länder und die "Verunsicherung der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten" zu erfahren. Noack fühlt sich an Autoren wie Ryszard Kapscinski oder Yoko Tawada erinnert, wenn Hyatt mit Begeisterung und großem Interesse an den bereisten Orten und den Menschen, die sie dabei trifft, über ihre Erlebnisse schreibt. Da ist das Ende, als sie wieder in einem nicht schwankenden, nicht im Zug befindlichen Bett liegt, fast ernüchternd, schließt der Kritiker.
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