Nino Haratischwili

Das mangelnde Licht

Cover: Das mangelnde Licht
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2022
ISBN 9783627002930
Gebunden, 832 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Nach der lang ersehnten Unabhängigkeit vom ins Taumeln geratenen Riesen stürzt der junge georgische Staat ins Chaos. Zwischen den feuchten Wänden und verwunschenen Holzbalkonen der Tbilisser Altstadt finden Ende der 1980er Jahre vier Mädchen zusammen: die freiheitshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira, die romantische Nene, Nichte des mächtigsten Kriminellen der Stadt, und die sensible Qeto. Die erste große Liebe, die nur im Verborgenen blühen darf, die aufbrandende Gewalt in den Straßen, die Stromausfälle, das ins Land gespülte Heroin und die Gespaltenheit einer jungen Demokratie im Bürgerkrieg - allem trotzt ihre Freundschaft, bis ein unverzeihlicher Verrat und ein tragischer Tod sie schließlich doch auseinandersprengt. Erst 2019 in Brüssel, anlässlich einer großen Retrospektive mit Fotografien ihrer toten Freundin, kommt es zu einer Wiederbegegnung. Die Bilder zeigen ihre Geschichte, die zugleich die Geschichte ihres Landes ist, eine intime Rückschau, die sie zwingt, den Vorhang über der Vergangenheit zu heben und eine Vergebung scheint möglich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.03.2022

Rezensentin Andrea Pollmeier staunt über die Wucht von Nino Haratischwilis neuen Roman. Er erzählt vom "postsowjetischen Kriegsgrauen" in Georgien und von vier Freundinnen, die alle beschädigt daraus hervorgehen: Keto etwa, aus deren rückschauender Perspektive erzählt wird, beginnt im Krieg sich selbst zu verletzen, Nene wird wie viele Frauen damals Opfer des wuchernden Patriarchats. Dabei geht es um die "komplexen Wirkmechanismen" in Tbilisi nach dem sowjetischen Einmarsch 1989, die die Gesellschaft prägten und traumatisierten, um Eltern, Nachbarn und Kollegen der Protagonistinnen, und um die "verpestete Idylle", wie Pillmeier die Autorin zitiert, die sich nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 einstellte. Mit welcher "erzählerischer Energie" und wie antik anmutender Tragik Haratischwili das alles bändigt, findet die Kritikerin höchst beeindruckend - und bedauert die traurige Aktualität dieses "Lebensthemas" der Autorin.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.03.2022

Nino Haratschwili kann erzählen, konstatiert Rezensentin Hannah Lühmann. Ja vielleicht, überlegt die Rezensentin, ist die georgisch-deutsche Schriftstellerin sogar die einzige junge deutsche Autorin, die das Erzählen ernsthaft "beherrscht", im klassischen Sinne. Sie weiß, wie man Einzelschicksale und Historie miteinander verwebt, wie man eine Epoche, ihren Zeitgeist, ihre Stimmung erlebbar macht. Sie weiß, wie man einen kontrollierten literarischen Rausch erzeugt. Und wenn in diesem Rausch mal zwischendurch der Kitsch die Präzision ablöst, kann Lühmann dies leicht verzeihen, vor allem angesichts der Aktualität dieses Romans. Und aktuell ist Haratschwilis Geschichte über vier Freundinnen aus Tbilisi nicht nur oberflächlich aufgrund der Gemeinsamkeiten zwischen dem georgisch-russischen mit dem ukrainisch-russischen Verhältnis, betont Lühmann. Sondern auch, weil uns diese Geschichte an die "Freiheit als große Erzählung" erinnert, so die gerührte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 02.03.2022

Rezensentin Stephanie von Oppen attestiert Nino Haratischwilis neuem Romen einen "enormen Sog". Sie erzählt von vier Freundinnen, die sich nach Jahrzehnten in der Fotoausstellung einer der Freundinnen wiedertreffen und anhand der Bilder zurück auf ihre Jugend im Georgien der 1980/90er Jahre blicken. In dieser Zeit des Umbruchs wurden sie Zeuginnen der Folgen des Krieges, der Verrohung, des Drogenkonsums, von Mord und Vergewaltigung, resümiert die Rezensentin. Die Autorin zeichne klar die unterschiedlichen Charaktere der Mädchen, die jeweils ihre eigenen Schicksalsschläge erleben und doch Halt in der gemeinsamen Freundschaft finden. So wie die Bilder der Ausstellung den Erzählrythmus angeben, fällt es der Rezensentin teils schwer, den Sprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu folgen, aber dank des "prallen Erzählstils" lässt sie sich trotzdem darauf ein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2022

Rezensent Tilman Spreckelsen folgt vier Freundinnen in Nino Haratschwilis Roman zurück in ihre Jugend in einem von politischen Umbrüchen geschüttelten Georgien in den 1990er Jahren. So anschaulich und bildstark die Erzählerin anlässlich einer Fotoschau von vergangenen Liebesgeschichten und Lebensschicksalen berichtet, so verwirrend findet Spreckelsen die vielen Perspektiven, Andeutungen und Vorausdeutungen im Text. Was zu Beginn des Roman noch sicher scheint, löst sich im Verlauf zusehends auf, und als Leser hinterfragt man die Rolle der Erzählerin selbst, erklärt Spreckelsen.
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