Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack
Die andere, russische Moderne

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN
9783751820424
Gebunden, 488 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 stellte sich die Frage, wie die tiefe Kluft zwischen den in Orthodoxie mit der Ikone lebenden russischen Bauern und der westlich orientierten Bildungselite überbrückt werden kann. Antwort: Indem auch die Bauern, und sei es mit Gewalt, zum modernen Wissen bekehrt werden. Doch die Bauern weigerten sich. Daher wurden einige, zuerst nicht ernst genommene Stimmen laut, die die "Umerziehung der Bauern" als ethisch nicht vertretbar ablehnten. Doch schon bald meldete sich eine neue Generation von Dichtern, Künstlern und erstaunlich viel Künstlerinnen zu Wort, die die von der Elite verachteten kulturellen Überlieferungen der Bauern sowie die Ikone aufzuwerten begann und ausgehend von diesen Überlieferungen nach einem eigenen Weg, jenseits des Hegemonialanspruchs der Moderne suchte. Da ihre Suche, die vor allem sozial motiviert war, jedoch den Überlegenheitsanspruch des modernen Wissens, das vom rationalistischen sowie atheistischen Fortschrittsglauben geprägt war, infrage stellte, sah Lenin in dieser Bewegung einen Angriff auf die Grundpfeiler des Marxismus und begann sofort nach seiner Machtergreifung, sie zu unterwandern, bis es ihm und seinen Nachfolgern tatsächlich gelang, sie völlig aus dem kulturellen Gedächtnis zu verdrängen.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.11.2025
Rezensentin Brigitte Werneburg findet Noemi Smoliks Buch in Ausrichtung und Ausarbeitung grundsätzlich gelungen. Die Kunsthistorikerin widmet sich darin der Anfang des 20. Jahrhunderts entstehenden russischen Avantgardebewegung, die vom Regime unterdrückt und aus dem kulturellen Gedächtnis entfernt wurde und die etwas ganz anderes macht als die europäischen Avantgarden: eine anti-elitäre Hinwendung zur bäuerlichen Bevölkerung und zum orthodoxen Glauben mit Ikonen, die sozial motiviert war und sich vom westlichen Rationalismus abgrenzte. Diese Einblicke könne Smolik überzeugend in zwölf "gründlich ausgearbeiteten Einzelstudien" bieten, die die These verfolgen, dass Lenin und die Kommunistische Partei unter Stalin gerade in dieser Ausrichtung einen grundlegenden Angriff auf den Marxismus sahen. Das scheint der Kritikerin überzeugend dargelegt; mindestens "gewöhnungsbedürftig" findet sie aber, wie eindeutig die Schuldverteilung dabei ausfällt - die guten Bauern gegen die böse städtische Bildungselite, moniert sie. Nichtsdestotrotz ein wichtiges Buch, gerade mit Blick darauf, dass diese andere russische Moderne derzeit schon wieder aus Museen verdrängt wird, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2025
Sehr kenntnisreich und fair bespricht Rezensent Ulrich Schmid dieses Buch der Kunsthistorikerin Noemi Smolik, die hier die steile These darlegt, russische Avantgarde-Künstler wie Malewitsch oder Chlebnikow hätten die westliche Moderne abgelehnt und einzig die "spirituellen Traditionen" der russischen Volkskunst fortgeführt. Einige Punkte von Smoliks Argumentation findet der Kritiker durchaus bedenkenswert, etwa, wenn sie anhand der Kontinuität zwischen der russischen Ikonenmalerei und Malewitschs Bauernbildern die durchaus vorhandene ästhetische Autonomie der russischen Avantgarde aufzeigt. Auch von den fließenden Grenzen zwischen den Künsten und der Wissenschaft liest Schmid mit Gewinn. Insgesamt aber stören den Rezensenten mehrere Punkte: Smolik hat sich derart auf den postkolonialen Ansatz eingeschossen, meint er, dass sie russische Bauern zu "Indigenen" macht, Gewährsmänner wie Said, Chakrabarty, Mishra und sogar Walter Mignolo "unreflektiert" zitiert oder die Attraktivität des Bolschewismus auf die Avantgardisten unterschlägt. Und wenn dann noch nicht wenige sachliche Fehler hinzukommen - so macht Smolik aus Nabokov einen Literaturnobelpreisträger - zieht der Kritiker den "wissenschaftlichen Anspruch" des Buches doch erheblich in Zweifel.