Peter Longerich

Unwillige Volksgenossen

Wie die Deutschen zum NS-Regime standen. Eine Stimmungsgeschichte
Cover: Unwillige Volksgenossen
Siedler Verlag, München 2025
ISBN 9783827501837
Gebunden, 640 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Waren die Deutschen nach 1933 ein Volk von Jublern und Ja-Sagern? Die Mehrheit der Deutschen sei nach 1933 von einer rauschhaften nationalen Aufbruchstimmung ergriffen worden und habe sich überraschend schnell den neuen Machthabern angeschlossen, so lautet das gängige Urteil über die Zeit der Nazi-Diktatur. Es hält sich hartnäckig und prägt bis heute unsere Vorstellung von der "Machtergreifung" und ihren Folgen. Dieses Bild einer "Zustimmungsdiktatur" stellt Peter Longerich, einer der renommiertesten Historiker des Nationalsozialismus und Autor zahlreicher Bestseller, in seinem neuen Buch infrage. Auf der Basis von vielen tausend zeitgenössischen Berichten von verschiedenen Dienststellen der NS-Diktatur und jenen des sozialistischen Exils, die bisher in ihrer Gesamtheit noch nicht ausgewertet wurden, legt Longerich die erste Gesamtdarstellung der Volksstimmung im Dritten Reich vor. Sie zeigt, dass die Unzufriedenheit mit dem Regime in der Bevölkerung viel größer war als bisher angenommen. In sämtlichen Bevölkerungsgruppen, von den Bauern über die Arbeiterschaft bis zur bürgerlichen Mitte, war sie weit verbreitet - die "Volksgemeinschaft" erweist sich somit vor allem als ein Mythos der NS-Propaganda.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2025

Peter Longerichs Widerspruch gegen die verbreiteten These, das NS-Regime sei von einer fast geschlossenen Volksgemeinschaft getragen worden, liest Rezensent Robert Gerwarth mit großem Interesse. Zwar erkennt Longerich an, dass viele Deutsche Hitlers Politik stützten - sei es aus Überzeugung, Angst oder Opportunismus -, doch von einer vollständigen "Nazifizierung" könne zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Basierend auf zehntausenden von Longerich ausgewerteten Stimmungsberichten aus NS-Behörden und Exilquellen, staunt der Kritiker, zeigt Longerich, dass Unzufriedenheit, Kritik und Resignation nie ganz verschwanden. Besonders in den letzten Kriegsjahren brach das Vertrauen in das Regime sichtbar zusammen. Gegen prominente Historiker wie Wehler oder Aly, die den Begriff "Zustimmungsdiktatur" prägten, setzt Longerich das Bild des "unwilligen Volksgenossen": mitlaufend, aber innerlich nicht immer überzeugt, lesen wir. Damit rückt er, so der Kritiker, die Rolle von Angst, Druck und Vorteilsdenken stärker in den Mittelpunkt - ohne Entschuldigung, aber mit historischer Präzision.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.06.2025

Im neuen Buch von Historiker Peter Longerich kann Rezensent Thomas Schmid eine ungewöhnliche These lesen: Longerich ist überzeugt, dass die meisten Deutschen den NS-Staat nicht aus tiefer Überzeugung unterstützten, sondern aus Gründen der Konformität. Dafür habe er diverse Quellen sehr sorgfältig ausgewertet und zwar, das ist so bemerkenswert wie riskant, solche, die vom Regime selbst kamen, etwa Berichte von Polizei und SS. Die einzige Nicht-Regierungsquelle ist die Sopade, die sozialdemokratische Partei im Exil. Natürlich müssen diese Quellen kritisch eingeordnet werden und der Autor lässt hier laut Kritiker höchste Sorgfalt walten. Für Schmid ergibt sich "mit erdrückender Materialfülle", wie viele Deutsche innerlich nicht unbedingt den NS-Idealen zustimmten, aber nichts dagegen unternommen haben - und auch, dass der völkische Einheitsstaat während der zwölf Jahre keineswegs so einig war wie von der Führungsriege gewünscht. Der Kritiker betont, dass Longerich keinesfalls der Verharmlosung anheimfalle, sondern im Gegenteil verständlich und verdienstvoll zeige, wie ein Regime eine Bevölkerung selbst dann dominieren kann, wenn diese eigentlich ablehnend eingestellt ist, sich aber nicht zur Wehr setzt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.05.2025

Weitgehend nicht einverstanden ist Rezensent Dietmar Süß, selbst Historiker, mit der Grundthese, die Peter Longerich in diesem Band vertritt: Die Herrschaft der Nationalsozialisten funktionierte vor allem über Terror und Zwang und konnte sich nicht auf die Zustimmung der Mehrheit der Menschen im Lande stützen. Um diesen Gedanken, der durchaus im Widerspruch zu älteren Arbeiten Longerichs steht, zu plausibilisieren, werte der Autor offizielle Berichte diverser NS-Stellen über die Stimmung im Land aus, in denen von diversen Unzufriedenheiten die Rede ist. Longerich verweise zwar durchaus auf die problematischen Aspekte dieser Quellen wie etwa ihre ideologische Bias, aber er ist der Ansicht, dass die Fülle des Materials solche Schwächen ausgleicht. Süß ist anderer Ansicht, er hat den Eindruck, dass Longerich ziemlich selektiv auf Quellen zugreift, insbesondere, weil er biografischen Selbstberichten misstraut und der Ansicht ist, dass in Diktaturen alles top-down entschieden wird. Das entspricht nicht mehr dem Stand der Forschung, meint Süß, der darauf verweist, dass die NS-Ideologie kein "hermetisch" geschlossenes System war, sondern unterschiedlichen Gruppen unterschiedliche "Angebote" machen konnte - man musste nicht in allen Punkten mit den Nazis übereinstimmen, um sich an Ausbeutung und Gewalt zu beteiligen, gibt er zu bedenken. Was Longerich hier schreibt, ist für den Rezensenten deshalb schlicht nicht mehr kompatibel mit dem Stand der Dinge in der Geschichtswissenschaft.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 07.05.2025

In seinem neuen Buch wertet der Historiker Peter Longerich zehntausende zeitgenössische Berichte von Gestapo, SD, Wehrmacht und Verwaltung aus - eine einzigartige Quellensammlung über das Alltagsbewusstsein im "Dritten Reich", staunt Rezensent Michael Kuhlmann. Daraus entsteht ein detailliertes Bild einer Bevölkerung, die das NS-Regime zwar größtenteils hinnahm, ihm aber oft skeptisch gegenüberstand. Longerich zeigt, dass Zustimmung häufig aus Angst, Pragmatismus oder Druck resultierte - nicht aus unbedingter Überzeugung, lesen wir. Besonders gelunge ist laut Rezensent die Darstellung sozialer Spannungen: etwa enttäuschte Arbeiter, verarmte Bauern oder jugendlicher Protest. Der Kritiker hebt hervor, wie diese "Stimmungsgeschichte" gängige Narrative von einer geschlossenen Volksgemeinschaft in Frage stellt. Für Kuhlmann bietet Longerichs Werk neue, differenzierende Einsichten zur passiven Mitverantwortung der "Mitte der Gesellschaft". Im Vergleich zum gleichzeitig besprochenen Sammelband "Hitlers treues Volk", herausgegeben von Felix Bohr, findet der Kritiker Longerichs Buch tiefgründiger, methodisch strenger - und relevanter für das heutige Demokratieverständnis.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 28.04.2025

Recht scharf lehnt Rezensent Dirk Schümer die Schlussfolgerungen der Studie Peter Longerichs über die Mentalität der Deutschen im Dritten Reich ab. Der Historiker Longerich untersucht, Berichte, die das NS-Regime selbst in Auftrag gegeben hatte, um die Stimmung im Volk zu untersuchen. Longerich zufolge zeigen diese Dokumente laut Schümer, dass ein großer Teil der Bevölkerung auch nach 1935 nicht hinter dem Regime stand. Ökonomische Härten im Zuge der Umstellung auf Kriegswirtschaft sorgten ebenso für Unmut wie die Attacken der Nazis gegen die Kirche, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs war außerdem der Wunsch nach Frieden verbreitet und selbst mit der Judenverfolgung waren viele nicht einverstanden. Schön und gut, meint Schümer, sicherlich ist es richtig, zu differenzieren und sicherlich waren nicht alle Deutsche im Dritten Reich glühende Hitler-Anhänger. Aber sind die Unmutsbekundungen, die Longerich sammelt, tatsächlich Ausdruck von Ablehnung des NS-Regimes oder gar Widerstand? Schümer hat den Eindruck, dass Longerich Kritik an der Kriegsführung der Nazis mit Kritik am Regime verwechselt. Mehrmals vergleicht der Rezensent Longerichs Studie mit Ian Kershaws Buch "Das Ende", das teils ähnliches Quellenmaterial auswertet, daraus aber andere, differenziertere Schlüsse zieht. Longerich kann nicht hinreichend erklären, kritisiert Schümer, warum die vermeintlich unzufriedene Bevölkerung alles mitmachte, bis hin zur logistischen Unterstützung des Holocausts, und auch nicht, warum der vermeintliche innere Widerstand nach 1945 nicht in einer Aufarbeitung der Vergangenheit mündete. Schümers Fazit: Der Versuch, ein komplexeres Bild der Haltung der deutschen Bevölkerung zum NS-Regime zu zeichnen ist ehrenwert, aber die Art und Weise, wie dies hier geschieht, überzeugt nicht und ist sogar nahe an einem entschuldigenden "Wie haben ja nichts gewusst".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 26.04.2025

In seiner knappen Besprechung setzt sich Rezensent Arno Orzessek mit dem neuen Buch des Historikers Peter Longerich auseinander, der darin eine erst einmal recht steil anmutende These aufstellt: Ihm zufolge sind weite Teile der deutschen Bevölkerung unzufrieden gewesen mit dem NS-Regime, was insbesondere nach Kriegsausbruch auch vergleichsweise klar an die Institutionen zurückgemeldet worden sei. Longerich zieht dafür insbesondere die Berichte ebenjener Einrichtungen und Behörden  heran und wertet sie chronologisch wie systematisch zu Schwerpunkten wie etwa der Euthanasie, der Kirchenpolitik oder dem Kessel in Stalingrad aus, erklärt der Rezensent. Ein "mitreißendes Lesevergnügen" ergibt sich für Orzessek nicht unbedingt, aber die These der "unwilligen Volksgenossen" dürfte sich anhand dieses reichen Quellenmaterials  nicht widerlegen lassen, auch wenn er sich gewünscht hätte, dass der  Autor zusätzlich private Aufzeichnungen wie Briefe integriert, um ein  noch umfassenderes Bild zu erfassen.

Buch in der Debatte

9punkt 10.04.2025
Die Deutschen standen gar nicht so entschlossen hinter der NSDAP, wie es in der gegenwärtigen Forschung bisweilen den Eindruck macht - zu diesen Ergebnissen kommt der Historiker Peter Longerich in seinem neuen Buch "Unwillige Volksgenossen". Nach Auswertung von "offiziellen Stimmungsberichte aus den Jahren 1933 bis 1945" kommt Longerich zu dem Ergebnis, wie er im Zeit-Interview erklärt, dass es große Unzufriedenheit mit dem Regime gab, "wer trotz dieses Befundes glaubt, es habe eine überwältigende Zustimmung gegeben, läuft Gefahr, noch nachträglich der NS-Propaganda auf den Leim zu gehen." Unser Resümee

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