Götz Aly

Wie konnte das geschehen?

Deutschland 1933 bis 1945
Cover: Wie konnte das geschehen?
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103973648
Gebunden, 768 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

In einer schweren Krise wurde die NSDAP 1932 zur mit Abstand stärksten Partei gewählt. Bald konnte sie die Macht übernehmen und auf wachsende gesellschaftliche Zustimmung bauen. Hitler brauchte den Krieg - das Volk fürchtete sich davor. Dennoch terrorisierten schließlich18 Millionen deutsche Soldaten Europa. Wie kam es dazu? Warum beteiligten sich Hunderttausende an beispiellosen Massenmorden? Götz Aly analysiert die Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 27.10.2025

Rezensent Magnus Klaue erklärt, inwiefern die Geschichtsschreibung a la Götz Aly "moralischen Besserdeutschen" ein Dorn im Auge ist. Unpopulären Einsichten sind Alys Steckenpferd: Versammelt sind sie als Thesen im neuen Buch, das nach den sozioökonomischen und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen des Nationalsozialismus fragt, erklärt Klaue. Nicht gern gehört etwa, Klaue zählt es auf, Alys Erkenntnisse, dass der Nationalsozialismus ein Produkt der Demokratie gewesen sei und der Katholizismus Widerstand geleistet habe, nicht die evangelische Kirche. Die 700 Seiten bieten mehr davon, meint Klaue. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.10.2025

Mit dieser packenden, knapp über 760-seitigen Studie über die Frage, wie es Hitler gelang an die Macht zu kommen und seine Ideologie in Deutschland zu verbreiten, liefert der 78-jährige Historiker und Politikwissenschaftler die Essenz seiner bisherigen Arbeiten, findet Rezensent Stephan Klemm. Entgegen verbreiteten Herangehensweisen denkt Aly nicht vom Ende der Hitlerzeit aus, sondern setzt mit dem Übergang vom Kaiserreich in die Weimarer Republik ein, wo die Ablehnung der neuen demokratischen Politik bereits den Boden für die Nazis bereitete, erfahren wir. Auch die Mittel, mit denen die NSDAP um ihre Wähler:innen warb, waren keineswegs neu: Aufstiegsversprechen und eine Ideologie, die die eigenen Wähler:innen als per se bessere Menschen aufwertete trafen auf ein nebulöses Wahlprogramm und das Wüten gegen Minderheiten. Klemm erinnert das an die heutige USA, die mit Trump bereits mehrfach bewiesen hat, dass, wie er bei Aly liest, "ein gewitzter Volkstribun" oft gute Chancen auf politische Kontrolle hat. Alys womöglich letztes großes Projekt ist für Hemm eine bedeutsame Antwort auf die vom Buch gestellte Frage. 

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2025

"Es lohnte sich, mit den Wölfen zu heulen" - das wird für Rezensent Jens Bisky in Götz Alys Alterswerk mehr als deutlich. Wie es dazu kommen konnte, dass die deutsche Bevölkerung die Nazi-Verbrechen unterstützte, beleuchtet Aly aus vielen verschiedenen Standpunkten, die in anderen Publikationen oft vernachlässigt werden, lobt der Kritiker. So stelle Aly beispielsweise heraus, wie die Nazis die Gewerkschaften für ihre Zwecke nutzten, wie sie durch weitreichende soziale Maßnahmen Zustimmung erzeugten und wie sie jene belohnten, die aktiv mitmachten. Gegen verallgemeinernde Begriffe wehrt sich Aly laut Rezensent: Es habe keine "Nazi-Ideologie" gegeben, vielmehr vielfältige politische Maßnahmen und "wechselnde Herrschaftstechniken". Ein wichtiger Punkt ist für Bisky, dass das Regime laut Aly von vorneherein auf Raub und Ausbeutung angelegt war, das "Reich" schon vor Beginn des Krieges kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand und der Krieg so unvermeidbar wurde. Dass Aly auch der Shoah eine primär "funktionale" Rolle im Rahmen von "Raub und Herrschaftssicherung" zuschreibt - darüber kann man streiten, findet der Kritiker. Dieses geniale Buch biete dafür eine hervorragende Grundlage.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.09.2025

Ein "großer Wurf" ist dem Historiker Götz Aly hier gelungen, lobt Thomas Schmid in seiner ausführlichen Besprechung. Aly räume mit immer noch dominanten Narrativen auf, wie zum Beispiel, der Nationalsozialismus sei durch eine "dumpfe und unaufgeklärte" Mehrheit der Deutschen möglich gemachten worden. Vielmehr stelle er die "moderne" Seite des Nationalsozialismus heraus, die auch viele gut ausgebildete und aufstrebende Deutsche ansprach. Da waren zunächst die sozialpolitischen Maßnahmen, die die Situation vieler zumindest kurzfristig verbesserten, resümiert Schmid, hinzu kam, dass durch die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung Stellen frei wurden und geraubte Güter in den Besitz von Deutschen überwanderten. Aly verzichtet auf den "bewusst distanzierten" Wissenschaftsduktus, schreibt vielmehr "flüssig, anschaulich, pathosfrei", was der Kritiker sehr begrüßt. Schmid findet es zwar völlig berechtigt, dass Aly den oft übersehenen "funktionalen" Aspekt der Shoah hervorhebt: die Erzeugung eines "Wir-Gefühl" durch Konstruktion eines Feindbildes, aber auch die materielle Seite, die sich durch die enorme Staatsverschudlung ergab. Eine letztendliche Antwort darauf, wie ein solcher Massenmord unter dem Blick der Bevölkerung möglich wurde, findet der Kritiker allerdings hier auch nicht. Trotzdem: Wie Aly hier "politische, wirtschaftliche, militärische und mentale Geschichte" zusammenführt, ist mehr als gelungen. Schmid hofft außerdem auf ein weiteres Buch zu diesem Thema, vielleicht in komprimierter Form, damit mehr Leute es lesen? Denn, Aufklärung tut Not, schließt Schmid, und Aly ist hierfür genau der Richtige.  

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.09.2025

Neue Erkenntnisse bietet Götz Alys Buch über Hitlerdeutschland eher nicht, meint Rezensent Otto Langels, als Überblicksdarstellung hat es jedoch durchaus Meriten. Die Grundfrage lautet laut Langels, wie schon der Titel nahelegt: Wie war es möglich, dass in Deutschland derartig grausame Verbrechen begangen wurden. Alys Antworten konzentrieren sich vor allem auf die politischen Strategien des NS-Regimes, wie etwa die Wohltaten im sozialpolitischen Bereich, durch die Hitler und sein Gefolge ein krisengeprägtes Land ruhig stellten. Der Terror als Gegenstück zu diesen Wohltaten findet zwar auch, aber weniger ausführlich Erwähnung, beschreibt der Rezensent, im Folgenden stellt Aly dar, wie Hitler im weiteren Verlauf seiner Herrschaftszeit große Teile der Bevölkerung zu Mittätern machte, was ebenfalls dazu führte, dass sich bis zum Schluss wenig Widerstand regte. Hier und da widerspricht Langels Alys Analysen und weist etwa darauf hin, dass die Vernichtungslager außerhalb der Grenzen des Reichs errichtet wurden, was einer Strategie der Implikation der Bevölkerung in die Verbrechen widerspricht. Lesenswert, auch mit Blick auf aktuelle autoritäre Bestrebungen, ist das Buch freilich durchaus, so Langels abschließend.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 06.09.2025

Götz Aly legt hier ein virtuoses Resümee seines geschichtswissenschaftlichen Schaffens vor, jubelt Rezensent Dirk Schümer. Diesmal stellt der Historiker die Frage ins Zentrum: Wie war das möglich? Schümer lobt zunächst die äußerst umfassende Quellenbasis: Diverse Aufzeichnungen von Beteiligten wurden ausgewertet, außerdem kommt über Alys Vater auch eine autobiografische Note in den Text, vor allem ist aber erstaunlich, wie viele weitgehend unbekannte Texte Aly entdeckt hat. Schümer lernt das NS-Regime bei Aly als eine Art Himmelfahrtskommando kennen: Hitler und seine Getreuen peitschten ihre Agenda mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit durch, um das Volk unter Spannung zu halten. Sie bedienten sich dabei moderner Methoden, etablierten ein zeitgemäßes Medien- und Transportsystem - und gingen ansonsten natürlich mit äußerster Brutalität durch. Warum aber die Bevölkerung auch dann noch mitmachte, als das bittere Ende schon abzusehen war, kann auch Aly nicht abschließend erklären, meint Schümer. Vielleicht sollte man ergänzend bei Heinrich Mann weiterlesen, empfiehlt der Kritiker am Ende seiner gleichwohl hymnischen Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.08.2025

Mit Gewinn liest Rezensent Ulrich Gutmair dieses Buch, in dem der Historiker Götz Aly eine Art Bilanz seiner Forschung zum Thema Nationalsozialismus zieht und dabei eine zentrale Frage ins Zentrum stellt, die ansonsten oft aus dem Blick gerät: Wie war das damals möglich? Gutmair liest, wie viele kleine Mittäter ihren Beitrag zum Unrechtsregime leisteten und wie das Regime ein Klima der dauernden Aufregung hervorbrachte, das die Bevölkerung unter Spannung setzte und Reflexion verhinderte - es geht also um Interdependenzen zwischen Führung und Volk. Auf die zentrale Frage, die er stellt, hat Aly nicht eine, sondern laut Gutmair mehrere Antworten, unter anderem nennt er den Aufstiegswunsch vieler Menschen, die willig beim Regime mitmachen und sich Eigentum und Positionen von Juden aneigneten, auch die Rolle der Kirchen und Gewerkschaften, die sich gern im Nachhinein als Hort des Widerstands inszenierten, tatsächlich aber im Großen und Ganzen fröhlich mitmachten, wird thematisiert. Auch Hitlers Politik beleuchtet der Historiker, die darauf hinaus lief, Millionen von Deutschen in die Verbrechen zu verstricken, bis das Land zu einer Art mafiösen Gemeinschaft wurde, das Vernichtungsprogramm des Holocaust etwa wurde just in dem Moment intensiviert, in dem sich eine Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete. Weiterhin wendet sich Aly gegen Begriffe wie "Faschismus", "völkisch" und "Ideologie" zur Beschreibung der NS-Politik, was Gutmair, insbesondere mit Blick auf "Ideologie", nicht so recht einleuchtet. Auch auf Seiten der Linken lehnten viele die Weimarer Republik ab, erfährt der Kritiker außerdem. Kann man aus all dem auch etwas für die Gegenwart lernen? Aktionistische, aggressive Regimes müssen früh bekämpft werden, lernt Gutmair von Aly. Leichter gesagt als getan, meint Gutmair, der Alys Buch freilich insgesamt viel abgewinnen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.08.2025

Eine "Gesamtdarstellung des deutschen Marsches in den Zivilisationsbruch" hält Rezensent Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung, mit dem Opus magnum Götz Alys in Händen. Sabrow schätzt, dass Aly in seinem Werk über die NS-Zeit viele "tradierte Deutungsmuster" weglässt, beziehungsweise dekonstruiert. So vermeide Aly beispielsweise die gedankliche Trennung zwischen "den Nationalsozialisten" und "den Deutschen" auch sprachlich, in dem er beispielsweise nicht vom "NS-Staat" schreibt, sondern umfassender von "Hitlerdeutschland". Damit wende sich Aly gegen die Vorstellung einer von "Charisma und Repression getragenen Weltanschauungsdiktatur" und betont die breite Mitmachbereitschaft und Akzeptanz, die die Nazis in der Bevölkerung genossen. Der Kritiker stimmt auch mit Aly überein, wenn dieser die Wahlerfolge der NSDAP unter anderem auf die sozialen Maßnahmen zurückführt, die neu eingeführt wurden und, unterstützt von Goebbels Propagandamaschinerie, ein "Wir-Gefühl" erzeugten. Nicht einverstanden ist Sabrow allerdings damit, wie Aly den Holocaust einordnet, nämlich in erster Linie als ein Mittel des Regimes einer "angespannten Versorgungslage" entgegenzuwirken. Auch der These, die Judenvernichtung sei dazu da gewesen, das Volk in eine "dauerhafte Mitschuld" zu verwickeln und dadurch in den Kampf "hineinzuzwingen" findet der Kritiker nicht schlüssig argumentiert. Ein gut zu lesendes und gleichzeitig kritisch distanziertes Werk hat Aly vorgelegt, dem der Kritiker allerdings nicht in jeder Hinsicht zustimmen kann.  

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…