Philipp Graf

Ausgeschlagenes Erbe

Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR
Cover: Ausgeschlagenes Erbe
Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783525358962
Kartoniert, 225 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Mit einem Vorwort von Yfaat Weiss. Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergte Halberstadt eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Mitteldeutschlands. Dies drückte sich in der Einwohnerschaft aus und auch darin, dass die kleine Stadt im Vorharz eines der Zentren der Neo-Orthodoxie in Deutschland war. 1942 wurden die letzten verbliebenen Jüdinnen und Juden deportiert und Halberstadt 1945 durch alliierte Bombenangriffe stark zerstört. Die jüdische Stadtgeschichte fiel daraufhin der Vergessenheit anheim, bis Ende der 1970er Jahre kirchliche Kreise die Erinnerung aufleben ließen. Philipp Graf betrachtet in seinem Essay den staatlichen, städtischen und zivilgesellschaftlichen Umgang mit der jüdischen Vergangenheit in vier Jahrzehnten DDR. Vor dem Hintergrund bis in die Gegenwart zu vernehmender antisemitischer Vorbehalte in der Stadt fragt der Autor, inwieweit sich der "verordnete Antifaschismus" und die politische Kultur der DDR hierin Ausdruck verschaffen und beeinflussen, wie in Halberstadt und in den neuen Bundesländern insgesamt über Juden, Judentum und jüdisches Leben gesprochen wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.05.2026

Rezensent Robert Mießner bespricht Philipp Grafs Studie über den Umgang mit dem jüdischen Erbe in Halberstadt insgesamt freundlich, weißt jedoch auch auf einen blinden Fleck hin. Graf zeichnet nach, wie man nahe beim lange jüdisch geprägten Halberstadt nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine Gedenkstätte für Opfer von Zwangsarbeit in der Gegend errichtete, die dann später von der DDR in einen Truppenaufmarschplatz umfunktioniert wurde, und zwar im Namen eines DDR-Antifaschismus, der von jüdischen Opfern letztlich nichts wissen will. Graf zeichne mithilfe zahlreicher Archivfunde diese und ähnliche Episoden mit einiger Genauigkeit nach. Wenn der Autor allerdings darüber schreibt, dass es in der DDR schlichtweg "kein jüdisches Kulturerbe" gegeben habe, hat Mießner Einwände und verweist, unter anderem, auf Lin Jaldati und Jurek Becker. So wichtig die Kritik an linkem Antisemitismus ist, sollte man, findet der dem Buch gleichwohl gewogene Rezensent, die antifaschistische Erinnerungspolitik der DDR nicht rundum verdammen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2026

Einen stringenten Essay über die Ursprünge eines spezifisch ostdeutschen Antisemitismus legt Philipp Graf hier laut Rezensentin Theresa Weiss vor. Und zwar am Beispiel Halberstadts, eines Ortes, der einmal ein "Zentrum der jüdischen Neo-Orthodoxie" (Weiss) war, was allerdings in der DDR in Vergessenheit geriet. Grund dafür ist, dass der verordnete Antifaschismus im Realsozialismus keinen Platz ließ für jüdische Opfer, stattdessen wurde stets nur der linke Widerstand gegen den NS betont. Umfragen zeigen, dass jüngere Halberstädter kaum etwas über das Judentum oder die jüdische Geschichte ihrer Heimatstadt wissen, in älteren Generationen war dieses Wissen durchaus noch präsent gewesen, aber der Transfer in die Gegenwart hat offensichtlich nicht geklappt. Insofern zeigt dieser Essay, schließt die Rezensentin, wie eine schambehaftete, verantwortungslose Erinnerungspolitik den Boden für eine Erneuerung antisemitischen Denkens bereitet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.09.2025

Ein starkes Buch über die Kontinuität von Antisemitismus in Halberstadt hat Philipp Graf laut Rezensent Jens Rosbach geschrieben. Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein Vorfall aus jungen Jahren, als das Interesse einer Holding mit jüdischen Eigentümern an der Übernahme eines Einkaufszentrums bekannt wurde, was zu antijüdischen Meinungsäußerungen führte, die dann wiederum, rekonstruiert Rosbach mit Graf, von der Politik bagatellisiert wurden. Wie kann so etwas sein? Graf zeugt Rosbach zufolge auf, wie der verordnete Antifaschismus der DDR dazu instrumentalisiert wurde, die eigene Schuld gegenüber den in Halberstadt in der NS-Zeit deportierten und enteigneten Juden zu verdrängen, auch die Bombardierungen der Alliierten 1945 sorgten dafür, dass sich vielmehr viele Halberstädter selbst als Opfer betrachteten, weshalb antisemitische Einstellungen untergründig überleben und später wieder offen aufbrechen konnten. Erinnerungspolitik, die die ehemalige jüdische Präsenz in der Stadt betonte, wurde erst gegen Ende und vor allem nach dem Ende der DDR vermehrt gefordert, beschreibt der Rezensent entlang der Lektüre - zu spät, um den Vorurteilen zu begegnen. Rosbach ist von dem gut lesbar geschriebenen Buch insgesamt ziemlich beeindruckt und wünscht ihm gerade im lokalen Kontext weite Verbreitung.

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