Pierre-Héli Monot

Hundert Jahre Zärtlichkeit

Surrealismus, Bürgertum, Revolution
Cover: Hundert Jahre Zärtlichkeit
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751820233
Broschiert, 199 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Im politisch so umkämpften wie ereignisreichen 20. Jahrhundert kommt dem Surrealismus, wie ihn André Breton 1924 in seinem Ersten Surrealistischen Manifest entwarf, eine Sonderstellung zu: Obwohl er heute selten anders denn als künstlerische Avantgarde rezipiert und erzählt wird, handelte es sich tatsächlich um eine bürgerliche Aufbruchsbewegung, die das Bürgertum selbst vor seine Widersprüche zu stellen versuchte. In Romanen, Aufsätzen und Gedichten konzipierten die Surrealisten eine Politik der minimalen Ansprüche, die das Bürgertum an sich selbst zwingend stellen soll: falls das Bürgertum diesen minimalen Redlichkeits- und Folgerichtigkeitsansprüchen nicht gerecht werden sollte, so gehörte es abgeschafft. In beiden Fällen würden sich nämlich die Werte von Freiheit, Gleichheit und Solidarität realisieren, indem bürgerliche Privilegien aufgegeben und gemeinsame Werte erkämpft werden könnten. Hundert Jahre nach seiner Ausrufung ist der Surrealismus brandaktuell für unsere krisengebeutelte Gegenwart, in der die bürgerliche Klasse nicht nur verkennt, dass sie kaum noch gemeinsame Klasseninteressen hat, sondern auch angesichts steigender Ungleichheit ganz und gar historisch gelähmt ist. Der radikale Freiheitsbegriff, der sich aus dem surrealistischen Programm ergibt, erlaubt uns heute, eine Politik der Möglichkeiten angesichts apokalyptischer Aussichten zu denken - wenn wir den Surrealismus nicht nur feiernd historisieren, sondern erneut als konkreten Ausgangspunkt politischer Bewegungen begreifen. Doch dies ist schließlich ein Buch über einen historischen Präzedenzfall: bürgerliche Revolten gegen das Bürgertum sind immer auch Enthemmungsmomente, deren Preis die Gesellschaft unter Umständen schließlich zahlen muss.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.08.2024

Rezensent Hans von Trotha liest den Essay des Anglisten Pierre-Heli Monot mit Interesse. Kunsthistorische Einordnung dürfe der Leser nicht erwarten, meint er, aber ein spannendes Gedankenexperiment, bei dem der Autor mit subjektiv eingefärbten Anekdoten und autobiografischen Exkursen versucht, die Politik des Surrealismus und ihre Kritik am Bürgertum zu begreifen. Für Trotha ein intellektueller Genuss, auch wenn der nicht immer zum Ziel führt. Einer Kunstavantgarde, die sich vor allem der Verweigerung verschrieb, eigentlich durchaus angemessen, findet der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.08.2024

Teils interessiert, teils irritiert liest Rezensent Thomas Steinfeld Pierre-Héli Monots buchförmigen Essay über den Surrealismus. Genauer gesagt geht es, lesen wir, um den Surrealismus als eine Widerstandsbewegung, deren Widerstand praktisch wenig in der Welt ausrichtet. Die Surrealisten hätte um die Wirkungslosigkeit ihrer Aktionen gewusst, behaupteten aber nach außen dennoch, das Gute in der Welt vorantreiben zu wollen. Waren sie deshalb Heuchler? Nicht wirklich, erläutert Steinfeld mit Monot, und zwar, weil sie eben diesen Widerspruch bewusst in Kauf nahmen, beziehungsweise den Versuch unternahmen, ihn in ihren Aktionen zu zerstören. Weiterhin beschäftigt sich das Buch dem Rezensenten zufolge mit der Frage, wie Kritik möglich ist in einer Welt, in der Widerstand immer schon warenförmig ist, etwa in Form von Papierstrohhalmen bei McDonalds. Insgesamt beschreibt der Essay eher die surrealistischen Aktionen und Grundlagentexte, als dass er sie analytisch durchdringt, findet Steinfeld, der außerdem moniert, dass einige wichtige Fragen offen bleiben, etwa die, wem das Heucheln der Surrealisten nützt. Ein faszinierender Text ist das, der mit seinen eigenen Widersprüchen ringt und dabei nicht gewinnen kann, schließt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2024

Rezensent Maximilian Gillessen hat Pierre-Héli Monots Buch mit Interesse gelesen, erkennt darin aber keine Revolution der Surrealismus-Forschung. Der Amerikanist Monot rekonstruiert darin, wie Gillessen festhält, das Projekt des Surrealismus als ein politisches mehr denn als ästhetisches: Der selbst vornehmlich bourgeoisen Kreisen entstammenden Bewegung sei es darum gegangen, dem Bürgertum den Spiegel vorzuhalten. Diese kritische "Selbstobjektivierung" wolle Monot, so der Rezensent, für die gegenwärtigen, krisengeplagten Zeiten mobilisieren. Eine besondere Leistung des Buches sieht Gillessen in der überraschenden Erkenntnis, dass im Sinne dieser angestrebten Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Surrealismus gerade keine fantastische, sondern vielmehr eine zutiefst realistische Bewegung gewesen sei. Monots sozioanalytischer Begriffsapparat hätte für den Rezensenten allerdings differenzierter, die Materialbasis breiter ausfallen können.

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