München erfährt in den Jahren nach 1900 den Höhepunkt einer kulturellen Entwicklung, in der sich eine Provinzhauptstadt im Schatten der Metropolen peu a peu zu einer Bedeutung aufwirft, die ihr von der Größe und der politischen Kapazität her eigentlich nicht zustünde.Münchens spezieller Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Moderne liegt in der Betonung von Eigensinn, von Autonomie. Es ist ein wenig bizarrer, was hier passiert, es geht laut zu, wenn provoziert wird, katholisch, wenn die Gotteslästerung angeprangert wird, esoterisch, wenn die Weltenharmonie angerufen wird. Unter Begriffen wie "Jugendstil", "Simplicissimus" oder "Blauer Reiter" treten Gruppen ins internationale Rampenlicht, Künstlerfürsten wie von Lenbach, Stuck oder Hildebrand residieren in München, Schwabing entfaltet seine Sogwirkung. Karl Valentin sondiert sein Terrain, Thomas Mann bleibt gleich vierzig Jahre, Giorgio de Chirico drei, Marcel Duchamp bedarf des München-Erlebnisses zum Take-off in die Weltkarriere.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.07.2009
Andreas Strobl hat Bauchweh. Neugierig hat er sich auf dieses Band gestürzt, der sich der goldenen Münchner Jahre um 1900 annimmt, der Künstler-Stadt. Staunend hat er die hier versammelten seltenen Bilder und Postkarten betrachtet und sich in die damalige Zeit versetzt. Dabei hat er feststellen können, dass München um 1900 eine Reihe glänzender Ausstellungen, Kabaretts und wegweisender Entwicklungen im Bereich Buchdruck und Illustration hervorbrachte, aber auch, wie sehr die "Vereinsmeierei" der Epoche Neues verhinderte. Die Bauchschmerzen des Rezensenten rühren übrigens vom "von Stilblüte zu Stilblüte schwadronierenden" Textteil des von Rainer Metzger und Christian Brandstätter herausgegebenen Bandes her und von der minderen Qualität der Reproduktionen ("eklige Buntheit").
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