Clarice Lispector

Die Passion nach G.H.

Roman
Cover: Die Passion nach G.H.
Penguin Verlag, München 2025
ISBN 9783328602460
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby. G.H., eine vermögende Bildhauerin aus Rio, betritt das Zimmer ihres schwarzen Dienstmädchens, das ihr gekündigt hat. Der Raum ist überraschend aufgeräumt, nur einige Zeichnungen an der Wand stören die perfekte Ordnung. G.H. fühlt sich provoziert, öffnet den Kleiderschrank des Dienstmädchens und zerquetscht beim Schließen eine Kakerlake. Damit setzt sie eine Reihe von abgründigen, verstörenden Überlegungen über Leben, Tod, Weiblichkeit und Erlösung in Gang, die noch in der Rückschau des folgenden Tages ihre menschliche Existenz ins Wanken bringen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2025

Mit Luis Rubys Neuübersetzung rückt Clarice Lispectors radikaler Text neu ins Licht, schreibt Rezensent Tobias Lehmkuhl. Statt einer klassischen Handlung gibt es eine "zweihundertseitige Meditation" über Selbstfindung - ausgelöst durch die Begegnung mit einer zerquetschten Kakerlake. Der Rezensent hebt hervor, wie sehr Ruby die Widerspenstigkeit des Originals bewahrt und damit Lispectors Mischung aus existenzialistischer Abstraktion und mystischer Ekstase spürbar macht. In diesem fast Beckett'schen Kammerspiel gerät Sprache selbst an ihre Grenzen: Sie soll, wie es heißt, zu einer "geraden Linie im Weltraum" werden. Parallel dazu erinnert Hanna Sohns' Studie an den "Wildwuchs der Worte" in Lispectors Werk. Beide Bücher zeigen dem Kritiker, wie diese Autorin Form und Begriff verweigert - um das chaotisch Lebendige zu bewahren. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.08.2025

Endlich liegt dieser wichtige Roman von Clarice Lispector auch auf Deutsch vor, freut sich Rezensentin Hanna Sohns. Hier erblickt eine rätselhafte Frau eine Kakerlake im Schrank und setzt sich in einem "verstörenden Selbstgespräch" damit auseinander, dass sie sie zerquetscht und am Ende isst. Sohns ist tief beeindruckt, wie Lispector die Brüchigkeit der Mensch-Tier-Trennung ebenso zeigt wie die Lust an der Auflösung des Subjekts. Nicht minder zu loben ist ihr zufolge die Übersetzungsleistung von Luis Ruby, der es vermag, die ebenfalls von Brüchen und Neuschöpfungen geprägte Sprache und die darüber hinausgehenden Bewegungen der Autorin ins Deutsche zu übertragen. Für die Kritikerin einer der wichtigsten Romane der brasilianischen Autorin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.07.2025

Das hätte schief gehen können, meint Rezensent Jörg Plath nach der Lektüre dieses 1964 veröffentlichten Romans von Clarice Lispector. Mit all den Anspielungen auf das Christentum, seinen philosophischen Bezügen und der experimentellen Sprache hätte sich die Erzählung leicht in einer "Rosenkranzbeterei der Begriffe" verlieren können, meint Plath, aber nach kleinen Anfangsschwierigkeiten entwickelt die Geschichte für ihn eine "verstörende Sogkraft". Die junge Frau G.H., die zur brasilianischen Oberschicht gehört, betritt das Zimmer ihrer entlassenen Haushälterin. Sie findet einen "leeren, von der Sonne in strahlendes Weiß getauchten Raum" vor, der als eine Art Bühne fungiert, wie der Kritiker anmerkt. Einzig eine dicke Kakerlake stört die Reinheit und die wird dann auch kurzerhand von G.H. mit einer Schranktür zerquetscht, so dass ihr Innerstes nach Außen quillt. Die Tötung des Insekts wird zum Auslöser für eine existenzielle Krise, in deren Verlauf G.H. die Augen der Kakerlake küssen und den hervorquellenden "Brei" aus ihrem Inneren essen wird. Dem Chaos von Identität und Religion kommt Lispector mit Oxymora wie "stechende Fadheit" oder "fröhliches Entsetzen" bei, erklärt Plath, die Übersetzer Luis Ruby gekonnt ins Deutsche übertragen hat. Plath hat das Buch jedenfalls in seinen Bann geschlagen. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.07.2025

Wer dem Unbegreiflichen begegnen möchte, der ist bei Clarice Lispectors Roman an der richtigen Adresse, meint Rezensent Wolfgang Schneider. Die brasilianische Autorin zielt auf die Erforschung innerer Wirklichkeiten ab, hier indem sie eine erfolgreiche Frau mit einer Kakerlake im verlassenen Dienstmädchenzimmer konfrontiert und das zum Auslöser einer existenziellen Krise werden lässt: Die Erzählerin verliert ihre Identität, und ihre bisherige Welt aus bürgerlichem Komfort und gesellschaftlicher Rolle zerfällt in einem halluzinatorischen, poetisch verdichteten inneren Monolog. In einem radikalen Akt der "Anti-Sünde" beschließt sie, den aus der Kakerlake quellenden Brei zu essen - eine Geste, die an Christus erinnern soll, der sich den Ausgestoßenen zuwandte. Schneider lobt die suggestiven Bilder, kritisiert aber die schwülstige Sprache und den überholten Existenzialismus - anders als viele Erzählungen Lispectors gehört diese hier für ihn leider nicht zu ihren ganz großen Würfen. 

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