Ein junger Deutscher in den sechziger Jahren schreibt hier, heimgesucht von einer übergroßen Sensibilität für die Allgegenwart der Vergangenheit. Geradezu körperlich trägt er in seiner eigenen Person die Unfähigkeit aus, zu vergessen, was er selbst nicht bewusst erlebt hat: Krieg und Vernichtung. Die stark autobiografisch geprägte Erzählung folgt den Etappen einer Suche nach den eigenen Ursprüngen, zeichnet Aufbrüche, Fluchten, Irrwege nach. Da sind die Kindheitserlebnisse der unmittelbaren Nachkriegsjahre auf dem väterlichen Fabrikgelände, wo die quälenden Fragen erwachen, da ist ein Jahr zwischen Überschwang und Angst in einem israelischen Kibbuz, da ist das auf einer Idylle des Vergessens wiedererstehende Freiburg der späten sechziger Jahre, in das der jüdische Freund auf Besuch kommt, da ist schließlich die mit Massen von Emigranten geteilte Bemühung um eine akademischen Anstellung in Amerika, die zu grotesken Begegnungen, aber auch in eine neue Zukunft führt "Ursprünge" ist ein sehr persönliches Buch, aber auch ein Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Generation zwischen Enttäuschung und Wut, Anpassung und Aufbegehren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2009
Joseph Hanimann hat Reiner Schürmanns autobiografische Erzählung "Ursprünge", die 1976 auf Französisch publiziert wurde und erst jetzt auf Deutsch erscheint, bewegt gelesen, auch wenn er meint, dass das Buch zu spät kommt, um in seiner damaligen "Virulenz" wahrgenommen zu werden. Denn es ist eine eigentümliche Mixtur aus Erinnerung, Vergangenheitsverfallenheit und "Schuldobsession", die dem Buch des 1941 Geborenen Spannung und Reiz verleihen, betont der Rezensent. Der Philosoph, dessen "Ursprünge" sein einziges literarisches Werk blieb, hat sich neben der eigenen auch fremder Erinnerung bedient und beispielsweise mit der Schilderung eines Postboten, der Spuren einer Massenverhaftung im Schnee entdeckt, ein beklemmendes Bild gezeichnet, so der Rezensent beeindruckt. Während bei anderen Vertretern dieser Generation die "Vergangenheitssucht" und der "Hass", der auch dem Autor zuzuschreiben sei, zu heute kaum noch erträglichen Erzeugnissen führte, erkennt Hanimann im vorliegenden Buch bleibenden Wert und Lektüregewinn, was er besonders der zwischen den Zeilen stehenden "Aufrichtigkeit" zuschreibt. Dafür macht er nicht zuletzt auch die Übersetzung ins Deutsche mitverantwortlich, die dankenswerterweise das allzu "Schwere" meidet, wie er lobt.
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