Das Dorf Ducherow - zehn Kilometer südlich von Anklam, 50 Kilometer nordwestlich von Stettin. Von 1931 bis 1951 hatten dort Ernst und Maria Meinhof die Pfarrstelle inne. Nachdem ihre sechs Söhne in den Krieg gezogen waren, begann Maria Meinhof im April 1945 Tagebuch zu führen, um für ihre Kinder aufzuschreiben, was im Haus und im Dorf geschah, während sie an der Front waren. Knapp 58 Jahre später entdeckt ihre Enkeltochter Renate Meinhof, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, diese Aufzeichnungen im Hause ihres Vaters wieder. Sie liest dieses "Tagebuch aus schwerer Zeit", wie Maria Meinhof es genannt hat, das in großer Nüchternheit davon berichtet, wie Hitlers Verbrechen auf die Deutschen zurückschlugen und die Rote Armee den Ducherowern Schrecken brachte, den sie nie vergaßen.
"Solch ein Buch kann man nicht vergessen", glaubt Ulrich Wickert. Das liege zu gleichen Teilen an der Verfasserin Maria Meinhof wie an ihrer Enkelin Renate Meinhof, die das Tagebuchmanuskript um eigenen Recherchen und Schilderungen erweitert. In "alltäglichem Ton" beschreibt Erstere, wie im Frühling 1945 der Krieg in ihr Dorf Ducherow kommt, erst in Gestalt fliehender deutscher Soldaten, dann mit den russischen Besatzern. Wickert beeindruckt die Art, wie Meinhof dabei auf dem Boden bleibe, "keine großen Gefühle, keinen Schmerz und erst recht keinen Hass" zulasse. Mit "außerordentlichem Feingefühl und ungewöhnlichem literarischen Talent" ergänze Renate Meinhof die Aufzeichnungen ihrer Großmutter mit den eigenen Reportagen und Recherchen und erschaffe so ein "Gemälde a la Hieronymus Bosch aus den Tagen des Untergangs". Zudem hilft der Band dem Rezensenten, zwei deutsche Nachkriegsphänomen zu verstehen: warum sich zwischen sowjetischen Soldaten und DDR-Bürgern nie Freundschaften entwickelt haben und warum die Befragung der Tätergeneration im Westen mit so viel Dringlichkeit geführt wurde.
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