Putins Kriegsrhetorik

Konstanz University Press, Göttingen 2025
ISBN
9783835391840
Gebunden, 191 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Den Krieg gegen die Ukraine hat Wladimir Putin rhetorisch vorbereitet, eskaliert und durch eine komplexe Argumentation begründet. Das Geflecht aus Legitimationsstrategien mag befremdlich und verstörend erscheinen, es knüpft aber gezielt an den Erwartungshorizont eines breiten, nationalen wie internationalen Publikums an und garantiert ein diffuses Verständnis für die Positionen des Kreml. Der russische Präsident ist dabei kein charismatischer und eloquenter Politiker. Gerade im Vergleich zu seinem Kontrahenten Selenskyj fällt seine Redekunst deutlich ab. Aber Putins Wort ist der Ursprung aller politischen Kommunikationsstrategien im heutigen Russland. Es steckt den Rahmen des politisch Sagbaren ab. Riccardo Nicolosi seziert Putins Kriegskommunikation: von der Parodie westlicher Kriegsbegründungen hin zu einer paranoiden Kausallogik, in der Russland als ewiges Opfer westlicher Hegemonialbestrebungen figuriert; von der Affektrhetorik des Ressentiments zur Mystifizierung des Zweiten Weltkriegs als niemals endendes Ereignis; von der Modellierung des Ukraine-Konflikts als antikoloniale, tektonische Verschiebung in der geopolitischen Weltordnung zur Erhebung des Kriegs als einzig wahre Daseinsform im gegenwärtigen und künftigen Russland. So legitimiert die Macht der Worte die martialische Gewaltanwendung ebenso sehr wie sie den Krieg als Lösung aller Probleme plausibilisiert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 12.05.2025
Zu keinem Zeitpunkt verbarg Putin seine "revanchistischen Ambitionen" - das wird dem Rezensenten Marko Martin von Riccardo Nicolosi deutlich vor Augen geführt. In "präzis strukturierten Kapiteln" analysiert der Professor für slavische Philologie die verschiedenen Elemente der Rhetorik Putins und zeigt vor allem die eigentlich unüberhörbare Brutalität seiner Sprache, die trotz allem jahrzehntelang kleingeredet wurde. Ein flammender Redner ist Putin eigentlich nicht, erklärt der Autor, für eine größere Publikumswirksamkeit hat er seine "technizistische Funktionärssprache" aber mit "Gossen-Sprache" und "Kriminellen-Jargon" angereichert. Für eine Rede vor dem Angriff auf die Ukraine 2022 zitierte der Kreml-Herrscher sogar einen russischen Popsong, in dem unverhohlen eine Vergewaltigung geschildert wird: "Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden." Nicolosi zeigt dem Kritiker außerdem, wie sich Putin seit 2022 durch "Versatzstücke" anti-kolonialer Positionen dem "Globalen Süden" anbiedert, um so die sowjet-russische Kolonialgeschichte zu verschleiern und dem Westen Sand in die Augen zu streuen. Ein Buch, das allen Relativierern und Verdrängern im Westen die Illusionen über die russischen Absichten nehmen sollte, resümiert Martin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2025
Kerstin Holm empfiehlt das Buch des Münchner Slawisten Riccardo Nicolosi. Konzise analysiert der Autor darin Putins Kriegsgebrüll nach Art altrömischer Klassiker. Ob die Kreml-Rhetorik das verdient hat, sei dahingestellt, denn Holm wird beim Lesen schnell klar: Putin ist kein guter Redner, seine Rede vielmehr monologisch und wut- und paranoiagesteuert. Technisch, so lernt Holm, bewegt sich Putin auf dem relativ niedrigen Niveau der Repetition und des Megafons, inhaltlich, das legt Nicolosi nah, orientiert er sich an Carl Schmitts Großraumordnung.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 12.04.2025
Rezensent Michael Wolf wünschte, Ricardo Nicolosis Buch zu Putins Kriegsrhetorik wäre früher erschienen. Denn dann hätte man vielleicht früher verstanden, dass Putin selbst meist recht genauen Aufschluss darüber geben hat, was er will oder meint: So liest Wolf etwa, dass Putin sich mit der Formulierung der "militärischen Spezialoperation" zum einen ganz gezielt ein Hintertürchen für verschiedene Ausgänge offenlasse - denn eine Operation könne man, anders als einen Krieg, nicht nur gewinnen oder verlieren -, und wie damit zum anderen der Eindruck einer "inneren Angelegenheit" (Nicolosi) erweckt und somit die Souveränität der Ukraine ein weiteres Mal untergraben werde. Spannend findet Wolf auch die Ausführungen zu den Drohungen gegen "den Westen", die Putin nutze, um sich als "antikoloniale" Schutzmacht des Globalen Südens in Szene setzen könne. Was "zynisch" klingen mag, verdient für den Rezensenten gerade eine genaue Lektüre auch von Diplomatinnen und Diplomaten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.03.2025
Putin ist auf den Rückhalt in der Bevölkerung angewiesen für die Fortführung des Kriegs gegen die Ukraine, weiß Rezensent Ulrich M. Schmid, und deshalb ist es wichtig, seine Rhetorik zu analysieren. Dabei ist er, wie Riccardo Nicolosis Buch zum Thema offenbart, kein guter Redner, seine Selbstinszenierung erinnert an Sowjetzeiten, die Stimme ist stockend und gepresst. Inhaltlich fährt Putin ein ganzes Sammelsurium an Scheinargumenten auf, um den Krieg zu rechtfertigen, entlang der Lektüre zählt Schmid einige davon auf, unter anderem behauptet Putin, die Ukraine sei aus historischer Perspektive ein Teil Russlands und im Donbass fände ein Genozid gegen Russen statt, außerdem redet er über den Satanismus des Westens. Stilistisch auffällig sei einerseits Putins Anleihen an juristische Sprache, andererseits die Verwendung von Schimpfwörtern. Insgesamt geht es darum, entnimmt der Rezensent diesem Buch, die Paradoxien der russischen Position, die eigene Stärke und eigene Schwäche gleichzeitig beschwört, durch parolenhaftes Sprechen zu übertünchen.