Robert Walser

Aus dem Bleistiftgebiet

Band 5 und 6: Mikrogramme 1925-33
Cover: Aus dem Bleistiftgebiet
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518408513
Gebunden, 744 Seiten, 65,45 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Bernhard Echte und Werner Morlang. Nach 16 Jahren mühevoller Dechiffrierarbeit wird die Edition aus dem Bleistiftgebiet mit Band 5 und 6 fortgesetzt. Es ist damit gelungen, alle unbekannten Texte, die das Konvolut der insgesamt 526 Blätter enthält, publikationsfähig zu machen ? ein Ergebnis, das ursprünglich völlig ausgeschlossen schien. Sie galten und gelten als die rätselhaftesten Manuskripte in der deutschsprachigen Literatur dieses Jahrhunderts: Robert Walsers so genannte Mikrogramme. Seit man von ihrer Existenz weiß, wurden sie immer wieder als Geheimschrift angesehen und in Verbindung zu Walsers psychiatrischer Internierung gebracht. Beides ist abwegig. Höchst geheimnisvoll und nur unter größten Schwierigkeiten zu entziffern sind sie gleichwohl. Es sind noch einmal mehr als hundert neue bislang unveröffentlichte Prosastücke dieses Autors, den Elias Canetti als den "verdecktesten aller Dichter" bezeichnet hat. Die Texte stammen aus den Jahren 1925 bis 1933 und spiegeln Walsers letzte Jahre in Bern ebenso wie die Zeit in der Psychiatrischen Klinik Waldau. Nach wir vor versucht Walser, in allem Wechsel von Erlebnissen und Stimmungen "sich selbst willkommen zu heißen" oder, wie er an anderer Stelle sagt, "Unentweihtheiten" an sich zu entdecken. Es war zuletzt ein kruder Verwaltungsakt der Klinikleitung, der seinem Schreiben ein Ende bereitete. Im Juni 1933 verlegte man Walser in die Heilanstalt Herisau, von welchem Tage an er seine Bleistifte nicht mehr anrührte. So finden sich in Band 6 die letzten Zeugnisse seines Dichtens.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.02.2001

Es kann auch in dieser Rezension nicht unerwähnt bleiben: siebzehn Jahre ihres Lebens verbrachten die Herausgeber der nun abgeschlossenen Mikrogramm-Bände mit der Entzifferung und Edition von Walsers Kleinstschrift-Texten (und damit deutlich mehr als Walser mit dem Schreiben derselben). Die Fehlerquote liegt denn auch, erfährt man, bei "ein bis maximal zwei Prozent". Bruno Steiger, der Rezensent, spricht von einem "Ereignis", nennt die nun vollständig vorliegenden, ursprünglich in zuletzt nur noch einen Millimeter großer Schrift auf bereits anderweitig bedrucktes oder beschriebenes Papier gekritzelten Kurztexte einen "Jahrhundertroman", der freilich "minderer kaum denkbar" sei. 250 Mikrogramme sind mit den letzten beiden Bänden dazu gekommen, Kurzprosa, Gedichte, Szenen, Reflexionen und Erinnerungen "in Walsers bekannter schweifender, die Gegenstände rasch und nach Belieben wechselnder Manier" und Selbstbeobachtungen. Recht wenig sagt der Rezensent zu den Texten selbst, am abgründigsten findet er die Betrachtungen zur "Tatsache des Weiblichen", angesichts derer Walser von seiner eigenen maßlosen "Appetitlosigkeit" schreibt. Zuletzt gibt es noch Überlegungen zur Art der "Autor-Figur" dieser Texte und damit auch zur Pathologie des Verfassers. Hier schreibt, so Steiger, ein Ich, "das sich nie wirklich und ganz, sondern immer nur als Mangelerscheinung, als Phantomschmerz erlebt hat."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.01.2001

Das Rätsel der Walserschen Mikrogramme zu lösen, sind die Herausgeber der von unserem Rezensenten begutachteten Bände 5 und 6 der Mikro-Walser-Ausgabe wohl angetreten. Dieter Borchmeyer scheint mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Mit ihren instruktiven Stellenkommentaren und editorischen Berichten, erklärt er uns, sei die Ausgabe ein "Meisterstück moderner Editionsphilologie". Und wirklich: wer eine mitunter nur einen Millimeter große Sütterlinschrift auf verschiedensten, häufig bereits gebrauchten Schriftträgern entziffert, dem gebührt zweifellos Respekt. Aber es sind nicht zuletzt die späten Texte Walsers selbst - in denen sich der Autor laut Borchmeyer als eleganter Tänzer auf der Papier-Bühne erweist -, die es dem Rezensenten angetan haben: "Perlen" seien darunter, zauberhaft-schwebende Szenen, in denen sich der unverwechselbare Walser-Ton mit seinen noch nie dagewesenen Verkleinerungsformen ins Unendliche verlaufe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2000

Diese Veröffentlichung zeige deutlich, schreibt Pia Reinacher, dass Robert Walser bis zu seiner Überführung in die Psychatrie auf der Höhe seiner Möglichkeiten geschrieben hat. Was hier mit Band 5 und 6 nun neu vorliege, sei zwar ein Steinbruch. Er enthalte Prosastücke, Gedichte und Szenen unter denen sich neben "zauberischen Winzigtexten" auch "amorphes Material" befinde. Doch dieses Qualitätsgefälle entspreche jedem der vier ersten Bände der Ausgabe. Geblieben sei die hoch künstlerische Sprache, die "Technik der lautmalerischen, assoziativen Reihungen" und das Springen von einem Thema zum anderen. Einen großen Raum in der Rezension nimmt die Beschreibung der Manuskripte ein und die übermenschliche Leistung der Herausgeber bei deren fast siebzehn Jahre dauernden Entzifferung. Mit einer extrem verkleinerten Sütterlinhandschrift habe Walser wie mit einem Netz  Papierschnipsel, Honorarquittungen, Absageformulare oder Randspalten von Zeitschriften überzogen. "Kalligraphische Zwangsarbeit" nennt die Rezensentin diese Technik, die sie für ein mechanisches Ritual Walser hält, an das er sich klammerte, um überhaupt schreiben zu können. Die Buchstabengröße der letzten Manuskripte aus den Jahren 32/33 habe durchschnittlich einen Millimeter betragen. Doch die Entzifferungsarbeit hat sich wohl gelohnt, auch wenn sich in deren Verlauf die Herausgeber heillos zerstritten haben. Mit wachsendem Staunen liest man die kleinen Walser-Einsprenksel, die von einer genialischen Schrulligkeit seien. Liest von Frauenschühlein und "misserfölgeligen Erfolgen" und nimmt sich vor, mal in die Bücher selbst zu gucken um zu erleben, wovon Pia Reinacher schreibt: dass nämlich Walsers "lakonische Gebilde" im Leser verzögert implodieren.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2000

Fasziniert berichtet Roman Bucheli über diese Notate, mit denen Walser in winziger Schrift offensichtlich alles Papier bedeckte, das in seiner Reichweite war. Seine Schrift, so wundert sich der Rezensent, wies am Ende "noch eine durchschnittliche Buchstabengröße von einem Millimeter auf". Bucheli skizziert dann aber kaum den Inhalt dieser beiden abschließenden Bände, die zusammen 744 Seiten haben, sondern spricht mehr über die psychologische Seite der Sache und erklärt Walsers Notate zugleich als Symptome, aber auch als Therapieversuch einer Schaffenskrise und immer größeren Einsamkeit. Zum Inhalt sagt Bucheli nur soviel, dass Walser hier über das Schreiben selbst nachdenke, dass er aber auch feinste Wahrnehmungen aufschreibe und seiner "Liebe für alles Kleine und Unscheinbare" nachhänge. Auch der fragmentarische Charakter der Notate ist für Bucheli Zeichen einer neuen Ästhetik. Walser schaffe hier zwar "gewaltige Stoffmengen", füge sie aber nicht mehr in ein geschlossenen Werk.
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