Ausdem Spanischenvon Christian Hansen. Nuria ist Eiskunstläuferin. An ihrer leuchtender Schönheit perlen alle Adjektive ab. Jedenfalls denken das drei Männer, die alles für sie geben. Als sie aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen wird, veruntreut einer von ihnen Geld. In einer baufälligen Villa legt er davon eine Eislaufbahn an, nur für sie. Der zweite beobachtet das argwöhnisch, der dritte verzehrt sich vor Eifersucht. Am Ende liegt eine Leiche auf dem Eis. Wer von dreien weiß alles? "Die Eisbahn" ist der erste veröffentlichte Roman von Roberto Bolaño. Geschrieben hat er ihn heimlich als Nachtwächter auf einem Campingplatz an der Costa Brava. Wie eine Figur im Roman war er ein Dichter, der auf die düsteren Erzählungen in seinem Innern lauschte.
Rezensent Richard Kämmerlings kann nur den Hut ziehen vor diesem frühen Werk des Tausendsassas Roberto Bolano. Woher bloß all die wunderbaren Texte kommen, so lange nach Bolanos Tod? Dieser hier ist für Kämmerlings nicht weniger als eine düstere Studie über die Macht der Schönheit, des Verlangens und der Poesie, wie sie sich manifestiert in der Liebe dreier wenig sympathischer Männer zu einer Eiskunstläuferin, ausgerechnet in der katalanischen Provinz. Getarnt als Lokalkrimi über Korruption führt der Text Kämmerlings in die Abgründe der Leidenschaften und des Größenwahns. Die bedrohliche Atmosphäre der Geschichte, der Noir-Touch - laut Rezensent die untrüglichen Markenzeichen eines echten Bolanos.
Rezensent Wolfgang Schneider freut sich über diesen frühen Roman von Roberto Bolano. Alles ist schon da, nur noch nicht in voller Reife, schwärmt er: Die Kontingenz des Daseins, die Balance zwischen Humor und Unheil im Sound, die unterschiedlichen Perspektiven auf die Geschichte sowie Figuren, die sich nicht in Schablonen pressen lassen. So wird aus der Geschichte um die Obsession eines Potentaten, um den Mord an einer Eisläuferin und die Verwicklungen dreier Männer in den Fall laut Schneider zwar kein Krimi, aber ein umso faszinierenderer literarischer Text, der die ganze Klasse des Autors vielleicht noch nicht vollends entfaltet, aber doch ahnbar macht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.10.2021
"Die Eisenbahn" ist nicht Bolaños wildester Roman, stellt Rezensentin Maike Albath fest. Und trotzdem, verspricht Albath, wird er auch echten Bolaño-Kennern große Freude bereiten. Vieles, was der chilenische Schriftsteller mit "Die wilden Detektive" 2002 literarisch auf die Spitze getrieben hat, deutet sich in diesem frühen Werk bereits an: Drei junge Literatur-Enthusiasten erzählen abwechselnd aus ihrer Perspektive, in ihrem jeweils ganz eigenen Tonfall, alle drei gehen "aufs Ganze" - im Leben und vor allem: in der Liebe. Wie so oft bei Bolaño mündet ihre Leidenschaft in einer Gewalttat, die das Zentrum dieser eigenwilligen, herrlich schwungvoll erzählten Mixtur aus "Thriller, Gaunerkomödie und Milieustudie" bildet, so die begeisterte Rezensentin.
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