Aus dem chilenischen Spanischen von Thomas Brovot. Das Mädchen Carmen hat wildschwarze Augen und fiebernde Gedanken. Ihre verstorbene Mutter sei Tänzerin und Spionin gewesen, meint sie stolz, während die anderen im Haus etwas von einem "dunkelhäutigen Flittchen" murmeln. Aus der zweiten Ehe ihres Vaters Alejandro mit einer mondänen Frau stammt ihr Halbbruder, der Erzähler der Geschichte. Auch der lebt nun - nach der Trennung der Eltern - im Haus der energischen Großmutter, zusammen mit der Tante Malva. Sowohl Carmen als auch ihr Bruder ertragen nur schwer die Herrschaft der beiden Frauen. Die ewig eifersüchtige Tante Malva ist für sie ein Ekel, sie hätschelt und bevorzugt ohnehin nur ihren eigenen Sohn. Der Erzähler langweilt sich in seiner Trauer, Carmen ist "nach Hexe zumute": Die beiden, alleingelassen und abgeschoben, entdecken Affinitäten und - zum allgemeinen Entsetzen - finden sie sich, zunächst in aller Unschuld.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2000
Obwohl Martin Grzimek in seiner Rezension mit einem Urteil sehr zurückhaltend ist, so merkt man dennoch sehr deutlich, welchen Eindruck der Roman auf ihn gemacht hat. Dies liegt nicht nur daran, dass die Autorin den Inzest zwischen zwei Halbgeschwistern als "Folge der Isolation, der Verleugnung von gesellschaftlicher Anteilnahme" schildert, sondern vor allem auch in der Ausdrucksfähigkeit der Autorin. Als Beispiel dafür zitiert Grzimek eine Szene, in der der Vater des Erzählers, ein Offizier, auf einem Pferd zu Besuch herbeigeritten kommt, dieses Pferd allerdings so "feurig" ist, dass er nicht einmal absteigen kann, und er daher lediglich ein paar Süßigkeiten abwirft, ein paar Fragen zur Befindlichkeit der Kinder murmelt und sich sogleich wieder aus dem Staub macht. In Szenen wie dieser scheint der Rezensent eine besondere Stärke der Autorin auszumachen, von der er gerne noch weitere Werke in deutscher Sprache lesen würde.
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