Roger Willemsens letztes Buch sollte 'Wer wir waren' heißen. Es sollte die Versäumnisse der Gegenwart aus der Perspektive derjenigen erzählen, die nach uns leben werden. Dieses Buch werden wir nie lesen können. Umso stärker wirkt eine Rede, die Roger Willemsen noch im Juli 2015 gehalten hat: Sie ist nicht nur das melancholische Resümee und die scharfe Analyse eines außergewöhnlichen Zeitgenossen, sondern zugleich das leidenschaftliche Plädoyer für eine "Abspaltung aus der Rasanz der Zeit". Sie ist ein Aufruf an die nächste Generation, sich nicht einverstanden zu erklären. Roger Willemsen hat diese Rede am 24. Juli 2015 gehalten. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.01.2017
Rezensent Jens Bisky ist dankbar, dass die Literaturkritikerin Insa Wilke die von Roger Willemsen im Jahre 2015 gehaltene Zukunftsrede nun als Buch herausgegeben hat. Ein letztes Mal vernimmt der Kritiker die Stimme des neugierigen Intellektuellen, dem hier erneut Erstaunliches gelingt: "Geistesgegenwärtige" Kulturkritik jenseits aller Standardargumente, lobt Bisky. Ganz ohne Klage- oder Erweckungsgesänge, dafür mit umso mehr Erkenntnislust betrachte Willemsen die technologisierte Gegenwart, die Zukunftsszenarien und den Menschen im Gemenge der Informationen, Impulse und bildgeleiteten Affekte, so der Rezensent, der nicht zuletzt bewundert, wie ihm der Autor Begrifflichkeiten wie Bewusstsein, Ich-Entstehung oder die Gegenwart unter digitalisierten Verhältnissen erklärt.
Gleich mit zweifachem Schaudern hat Iris Radisch Roger Willemsens unvollendetes, nun posthum veröffentlichtes Buch "Wer wir waren" gelesen. Zum einen kann die Kritikerin während der Lektüre dieser "bestürzenden" Abrechnung mit unserer Gegenwart kaum ausblenden, dass Willemsen die tödliche Krankheit während des Schreibens schon in sich trug. Zum anderen erscheint ihr das Werk, in dem der Autor aus der Perspektive der Nachgeborenen auf aktuelle seelische und ökologische Müllhalden blickt, wie die Abrechnung eines "schwer enttäuschten Moralisten", dessen einzige Hoffnung darin bestand, geistesgegenwärtig im Augenblick zu leben. Trotz aller Melancholie und Trostlosigkeit kann die Rezensentin diese "eindringliche Predigt" nur dringend empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2016
Hannes Hintermeier versucht, in Roger Willemsens Essay zu seinem letzten großen Buchprojekt zu erkennen, worauf der Text wohl hinausgelaufen wäre. Ob es ein stringentes Buch über unsere Gegenwart geworden wäre, kann er nur vermuten. Der Essay ist für ihn ein Brühwürfel aus treffenden Beobachtungen, Witzigem, Skurrilem und Theorieschnipseln. Willemsen schreibt über das Ende epischer Strukturen, "Filialexistenzen" vor multiplen Screens und den Verfall der Manieren, laut Hintermeier elegisch, ironisch, ernst und zum Glück nicht völlig kulturpessimistisch.
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