Die Mitte der Gesellschaft ist ein exklusiver Ort: Sie ist das "Wir" in "Wir sind das Volk" und das "Du" in "Du bist Deutschland". Während sie den Normalsterblichen Heimat bietet, bleibt sie für Menschen mit Armutszeugnis und Zuwanderungsgeschichte unzugänglich. Häufig über Generationen hinweg. Wer das Glück hat, zur Mitte zu zählen, darf nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Ränder bestimmen: links und rechts, oben und unten, aber auch drinnen und draußen.Der Journalist und Theologe Stephan Anpalagan schaut genauer hin und erklärt, was "die Mitte" auszeichnet und warum sie so sehnsuchtsvoll umkämpft ist. Er zeigt, wie die Mitte nicht nur zum Dreh- und Angelpunkt in einer polarisierten Gesellschaft wird, sondern auch zum Austragungsort einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt. Eine scharfe und schonungslose Analyse.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.10.2023
Wie schwierig es ist, wirklich zur Mitte der deutschen Gesellschaft zu gehören, wenn man einen Migrationshintergrund hat, erfährt Rezensentin Sieglinde Geisel aus diesem Buch. Anpalagans Eltern stammen aus Sri Lanka, er selbst ist in Wuppertal aufgewachsen und schreibt in vielen Beispielen und Aufzählungen von Rassismus und den "wunden Punkten der Migrationsdebatten", etwa von den rassistischen und antisemitischen Anschlägen der letzten fünfzig Jahre und berührt damit die Kritikerin sehr, die feststellen kann, wie diese Morde oft nicht wirklich aufgeklärt werden und schnell wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Wenn er auch bisweilen zum "rhetorischen Holzhammer" greift, ist es für Geisel aufschlussreich, wie er etwa den Begriff der "deutschen Leitkultur" analysiert, der eigentlich fast ein leerer Signifikant ist, und von "Schrödingers Ausländern" spricht, die den Deutschen einerseits angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen, aber dann doch auch aus systemrelevanten Berufen abgeschoben werden. Ein Buch, das der überzeugten Rezensentin zeigt, dass Migranten es der deutschen Gesellschaft eh nicht recht machen können, ein Buch, das sie aber auch als wichtiges Gesprächsangebot und Positionierung gegen rechts liest, wie sie schließt.
In seinem aktuellen Buch schreibt der Journalist und Theologe Stephan Anpalagan auch über Antisemitismus, Rassismus und Integrationsversäumnisse. "Wer Bürger dieses Landes werden will, muss sich zum Schutz jüdischen Lebens und zur Existenz Israels bekennen", sagt er im Tagesspiegel-Gespräch, räumt aber ein: "Wenn wir wirklich alle Antisemiten rausschmeißen wollten, müssten wir wahrscheinlich einen Gutteil der deutschen Bevölkerung ausbürgern. Es gibt einen bedauernswerten, exklusiven Blick auf den Antisemitismus der Zuwanderer. Ich bezeichne ihn im Buch als 'Migrantisemitismus'." Unser Resümee
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