Tanger, die marokkanische Metropole an der Straße von Gibraltar: durch ihren internationalen Status war die Stadt lange Zeit eine Art Brückenkopf für europäische Künstler und Intellektuelle in Nordafrika. Andre Gide, Paul Bowles, William Burroughs - für sie und zahlreiche andere war die Kombination von gutem Cannabis und sexueller Freizügigkeit verlockend. Mit der Unabhängigkeit von Frankreich Mitte der fünfziger Jahre begibt sich das Land auf die Suche nach einer neuen Identität. In dieser Zeit des Umbruchs, viele Jahre vor Beginn des Massentourismus, trifft der 18-jährige Amerikaner Mark Crane in Tanger ein. Jenseits der Subkultur der Bohemiens lebt er in einer billigen Pension unter einfachen Leu ten. Als Ausländer ist Mark überall, wohin er kommt, eine Sensation, sofort sammelt sich um ihn ein Gefolge von arbeitslosen Handwerkern, Bettlern, Schuhputzern und Herumtreibern, für die Mark selbst mit seinem Budget von drei Dollar am Tag ein reicher Mann ist. Man macht gemeinsam Ausflüge, kifft, trinkt Tee und erzählt sich Geschichten; auch Sex unter Kumpels gehört dazu, aber darüber wird nicht geredet. Manche seiner neuen Freunde spielen durchaus mit dem Gedanken, den reichen Ami unauffällig abzumurksen und auszurauben, aber Hamid, ein junger Tischler, passt auf ihn auf...
Ein "Abenteuer der Selbstfindung" erblickt Martin Reichert in Ronald Tavels autobiografisch gefärbtem Roman über die Erfahrungen eines 18-jährigen Amerikaners im Tanger der 1960er Jahre. Die Assoziationen, die die marokkanische Hafenstadt weckt - Bowles und Burroughs, Drogen, schwuler Sex -, werden laut Rezensent in dem Buch auch bedient, aber auf überzeugende Weise. Tavel gelingt es in seinen Augen hervorragend, in seiner aus verschiedenen Perspektiven erzählten Geschichte die wechselseitigen Projektionen zwischen dem jungen Amerikaner und den einheimischen Männern zu erfassen. Was der Autor in "Straße der Stufen" erzählt, scheint Reichert heute kommerzialisiert, aber nicht endgültig verschwunden.
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