Im 19. Jahrhundert gelang den deutschen Juden ein wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg, der in Europa ohnegleichen ist. Warum aber stellt sich die jüdische Geschichte gerade in Deutschland mit seiner zögerlichen Emanzipationspolitik als atemberaubende Erfolgsgeschichte dar? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt von Simone Lässigs Studie, in deren Zentrum die kulturell-religiöse Verbürgerlichung der Juden steht. Behandelt wird die Entwicklung eines modernen Bildungskonzepts und entsprechender Schulen, die Ausformung einer - feminin aufgeladenen und historisch orientierten - "Religion des Bürgers" und die Entstehung einer jüdischen Öffentlichkeit, die sich im Spiegel der Publizistik und des Vereinswesens weniger als Subkultur denn als Laboratorium der Bürgerlichkeit darstellt. Die breite Quellenbasis umfasst nicht nur programmatische Texte, sondern auch zahlreiche Memoiren, Briefe, Tagebücher und Lebensbeschreibungen, Quellen staatlicher und kommunaler Provenienz sowie Predigten, Periodika, Vereinsstatuten und statistische Materialien. Es zeigt sich, wie das ursprünglich vom Staat auf die Minderheit projizierte Projekt einer "bürgerlichen Verbesserung" von den deutschen Juden angenommen, gebrochen, neu gedeutet und so weit verändert wurde, dass es zu einem originär jüdischen und überaus erfolgreichen Projekt der kulturellen Modernisierung sozialer Strukturen werden konnte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2004
Mit ihrer fast 800 Seiten starken Habilitationsschrift "Jüdische Wege ins Bürgertum" hat die Historikerin Simone Lässig eine bahnbrechende Studie zur geschichtlichen Konstitution jüdischer Identität in Deutschland vorgelegt, befindet der Rezensent Gerrit Walther. Bahnbrechend deshalb weil Lässig endlich neue, klärende Begriffe für ein historisches Dilemma findet: Warum konnte die jüdische Bevölkerung in Deutschland keinen Vorteil aus ihrer äußerst erfolgreichen Anpassung an ihre christlich-bürgerliche Umgebung ziehen, die unter Geschichtswissenschaftlern als einzigartig in ganz Europa gilt, sondern wurde im Gegenteil gerade wegen ihrer Assimilationsversuche zusätzlich ausgegrenzt? Weil die vermeintliche Anpassung an "die Christen" oder "die Deutschen" in Wirklichkeit die Entstehung eines neuen, vorbildlichen Bürgertums war, das die Juden den Deutschen vorlebten. Gerrit Walther ist begeistert von Lässigs Analyse dieser jüdischen Verbürgerlichung, die die Autorin als "allgemeinen Bildungseuphorie" beschreibt. Mit ihrer Studie ist es der Autorin gelungen, das Phänomen der jüdischen Emanzipationsbewegung nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell zu erklären. Lässig agiert dabei so "klar und mutig" und weist "weit über ihr Thema" hinaus, dass Walther ihr auch ihren von steifem "Technokratenjargon" geprägten Stil verzeiht.
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