Aus dem Russischen und Ukrainischen von Sofija Onufriv und Claudia Dathe. Ein fast vergessener Krieg im Osten der Ukraine: Stanislaw Assejew ist Journalist und Augenzeuge, der in seinen Texten festhält, was vor sich geht im Donbass, in diesem Teil Europas, in dieser Gegend, die Russland und seine Freunde vor Ort gern als das "märchenhafte Neurussland" bezeichnen und aus der sie Pseudo-Republiken gemacht haben, die mit der Ukraine nichts mehr zu haben wollen. Den Autor treibt die Frage um: "Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?", und er beschreibt und reflektiert das Leben der Menschen im Krieg, ihr Verhalten, ihre Einstellungen. Diese Texte haben ihn ins Gefängnis gebracht. Sie erscheinen jetzt mit Unterstützung des PEN Zentrums der Ukraine zum ersten Mal auf Deutsch.
Rezensent Julian Weber empfiehlt dringend, Stanislaw Assejews Buch zu lesen, um Russlands Angriff auf die Ukraine zu verstehen. Das Buch versammelt zwischen 2015 und 2017 entstandene Texte über den Krieg im Donbass, wo Assejew damals lebte und auch geboren ist. "Karg und nackt wie eine Glühbirne" beschreibt Weber den Stil, in dem Assejew von den psychischen und physischen Folgen von Granateneinschlägen, von militarisierten Kindheitsfreunden, vom Krieg als andere Form der "Erwerbstätigkeit" in den Augen der Proletarier und vom Identitätsverlust des "Homo Sovieticus" berichtet. Interessant findet der Kritiker außerdem Assejews Deutung des vermeintlichen Widerstands gegen Kiew als Angst vor Veränderung. Ein "eindringlicher" und "unbarmherziger" Bericht aus dem ukrainischen Kriegsgebiet, so der beeindruckte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2021
Der ukrainische Schriftsteller Stanislaw Assejew, inzwischen erst 31 Jahre alt, berichtete bis 2017 unter Pseudonym für den proukrainischen Sender Radio Liberty und andere Medien aus dem besetzten Donbass, klärt uns Rezensentin Kerstin Holm auf. 2017 kam Assejew in Lagerhaft und wurde erst 2019 bei einem Gefangenenaustausch freigelassen, fährt die Kritikerin fort, die dankbar ist, Assejews "anthropologisch präzise Skizzen" nun auch auf Deutsch lesen zu können. Interessiert liest sie, wie der Autor zwischen den Helden des Maidan und den hart arbeitenden Bergleuten unterscheidet, deren "sowjetnostalgische" Haltung er mit den 1861 aus der Leibeigenschaft entlassenen und orientierungslos zu ihren früheren Herren zurückkehrenden russischen Bauern vergleicht. Assejews Ärger auf Präsident Poroschenko kann Holm in den Berichten ebenso nachvollziehen wie die Kritik an den Europäern, die sich laut Assejew nur von "marktwirtschaftlich-monetären" Interessen leiten ließen. Den zunehmend schwindenden Rückhalt der "Republik" macht ihr der Autor, der auf eine Einheit des Landes hofft, in den Berichten auch aus seiner eigenen Erfahrung außerdem deutlich.
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