Führung und Gefolgschaft
Management im Nationalsozialismus und in der Demokratie

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518300695
Broschiert, 265 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Moderne Managementkonzepte zeigen überraschende Parallelen zu nationalsozialistischen Vorstellungen. In seinem neuen Buch argumentiert Stefan Kühl, dass diese Ähnlichkeiten nicht auf personalen Kontinuitäten vom NS-Staat zur Bundesrepublik beruhen. Gerade prominente Nationalsozialisten, die den Führungsdiskurs in der Nachkriegszeit prägten, mussten darauf achten, nicht mit der NS-Ideologie in Verbindung gebracht zu werden. Heutige Verfechter einer sinnstiftenden Zweckausrichtung, starken Gemeinschaft und transformationalen Führung haben keine Sympathien für die Idee einer rassisch homogenen Volksgemeinschaft. Aber sie ignorieren die Wurzeln zentraler Managementprinzipien und übersehen, wie stark sie Konzepte propagieren, die bereits von Nationalsozialisten vertreten wurden.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.04.2025
Ein kluges Buch über historische Kontinuitäten und Brüche hat Stefan Kühl dem Rezensent Jens Balzer zufolge geschrieben. Es geht unter anderem um die Frage, was die Rede von Leadership und Gemeinschaft in der Managementtheorie mit dem Hitler'schen Führerkult und dessen Bezug auf eine Volksgemeinschaft zu tun haben könnte. Konkretisieren lässt sich die Frage laut Kühl mit Blick auf die Biografie Reinhard Höhns, der in der NS-Zeit ein führender Staatsrechtler war und in den 1950er Jahren zum wichtigsten bundesrepublikanischen Ausbilder von Führungspersonal in der Wirtschaft avancierte, lernt der Rezensent. Höhn konnte sich offensichtlich an die neue Zeit anpassen, aber heißt das, dass seine Gedanken zum Management nur nationalsozialistischer Wein in demokratischen Schläuchen war? Kühls Antwort darauf lautet: Nein, das gerade nicht, referiert der Kritiker, denn Höhns "Harzburger Modell" betonte gerade, wie wichtig Regeln und Eigenverantwortung im Bereich der Personalführung waren. Mit Naziideologie sei das keineswegs kompatibel. Kühl argumentiert klug und differenziert, lobt Balzer, der Kühns Gedanken über die opportunistische Wandelbarkeit ideologischer Überzeugungen gern in die Gegenwart fortgeschrieben gelesen hätte, so aktuell findet er das Thema.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.04.2025
Ein schlaues Buch hat Stefan Kühl hier verfasst, findet Rezensent Thomas Steinfeld. Der Soziologe beschäftigt sich mit der Frage, wie Führungskräfte im Deutschland der Nachkriegsjahrzehnte ausgebildet wurden und was das mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte. Schlüsselfigur dieser Geschichte ist, erfahren wir, Reinhard Höhn, der in der NS-Zeit ein führender Staatsrechtler war und 1956 in Bad Harzburg die "Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft" gründete, die über viele Jahre Menschen für Leitungspositionen in deutschen Unternehmen ausbildete. Mit Kühl geht Steinfeld auf die Lehrinhalte dieser Akademie ein, die einerseits durchaus auf Naziideologie wie der eines Führertums, das der Gemeinschaft des Volkes entspringt, gründeten, die andererseits aber auch die empirisch grundierten amerikanischen Managementlehren - die sich gar nicht so sehr vom Führerdenken unterschieden - aufgriffen. Auf Grundlage dieses Buches muss man, glaubt Steinfeld, die These von der Kontinuität des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik neu fassen - es gab sie durchaus, aber gleichzeitig ermöglichte gerade die ohnehin alternativlose Integration NS-vorbelasteten Personals tiefgreifende Änderungen. Insgesamt also ein bereicherndes Buch, das Kühl hier vorlegt, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 29.03.2025
Der Soziologe Stefan Kühl hat sich gefragt, wie viel nationalsozialistische Ideologie in heutigen Managementtheorien steckt, erklärt Rezensent Jens Balzer, schließlich komme die Beschwörung vom "Geist der Gemeinschaft" nicht von ungefähr. "Äußerst erhellend" schreibe Kühl unter anderem über Reinhard Höhn, unter den Nazis ideologisch verblendeter Staatstheoretiker, der nach einigen Jahren Untertauchen unbeschadet seine Karriere als Managementtheoretiker habe fortsetzen können. Diese beiden Züge seines Wirkens würden sich jedoch erheblich unterscheiden: Im NS habe Höhn sich für die Kraft der Gemeinschaft interessiert, in der Bundesrepublik dann aber die individuelle Orientierung an Zielen gestärkt, die Führungskräfte vorgeben. Der Kritiker schätzt an diesem Buch, wie deutlich gezeigt werde, dass Management und Politik immer vernetzt seien, er hätte sich abschließend nur ein wenig mehr Gegenwartsbezug gewünscht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2025
Der Soziologe Stefan Kühl räumt in seinem Buch über die Geschichte des Managements mit einigen falsche Vorstellungen auf, hält Rezensent Jochen Zenthöfer fest: Im Nationalsozialismus sei die Idee vorherrschend gewesen, sich an einem "charismatischen Führungsleitbild" zu orientieren. Für Kühl hat sich dieses Bild in der folgenden Demokratie nicht einfach so fortgesetzt, im Gegensatz zu dem was verschiedene Theoretiker behaupten. Kenntnisreich informiere der Autor darüber, dass die Ideen von erfolgreichem Management ständigem Wandel unterliegen, insbesondere, was den Abbau von Hierarchien und die Abgrenzung zwischen Informalität und Formalität betreffe. Der SS-Oberführer Reinhard Höhn feierte nach dem Krieg mit dem "Harzburger Modell" große Erfolge und gab viele Managment-Seminare, lesen wir, in den siebziger Jahren ebbte der Erfolg aber ab. Die Theorien des jüdischen Unternehmers Peter Drucker, der die Bedeutung der Gemeinschaft betonte, die sich an einem "übergeordneten, sinnstiftenden Zweck" orientieren müsse, sind hingegen bis heute noch gängig. Mit Nationalsozialismus hat das aber nur wenig zu tun! Für Zenthöfer hat Kühl ein wichtiges Buch geschrieben, das mit "Fehlvorstellungen von Kontinuität" vom NS bis heute aufräumt, wie er schließt.