War der Sozialstaat, der in der sozialliberalen Reformphase so expansiv gestaltet wurde wie kaum in einer anderen Epoche der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, ein "Gewerkschaftsstaat"? Zu dieser Frage liefert Stefan Remekes Buch eine historische Analyse der Ära Willy Brandt. Sie fördert bislang verborgene Innenansichten der deutschen Gewerkschaften zutage und ermöglicht Einblicke in das Alltagsgeschäft und die politische Kultur im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Stefan Remeke zeigt, wie der DGB während der ersten sozialdemokratisch geführten Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland versuchte, auf die Sozialgesetzgebung Einfluss zu nehmen. Dabei wird ersichtlich, dass das Hans-Böckler-Haus des DGB in dieser Zeit eine Schaltzentrale sozialer Ordnung war, in der mit Politik, Verbänden und mit den eigenen gewerkschaftlichen Organisationen um die Richtung der sozialpolitischen Gestaltung gerungen wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2006
Werner Abelshauser ist ein geduldiger Leser. Weil das so ist, bringt ihm die Lektüre dieses, wie er schreibt, von einem "asketischen" Ansatz geprägten Bandes etwas ein. Bemerkenswert, geht es doch um das nicht ganz so spannende Thema des Arbeitnehmerschutzes zwischen 1969 und 1974. Doch Abelshauser weiß, woran dem Autor Stefan Remeke gelegen ist: einen möglichst tiefen Einblick in die sozialpolitische Funktionsweise der Gewerkschaften zu bekommen. Und da, verspricht uns Abelshauser, wird's dann auch spannend. Durch den Blick auf die Handlungsmuster des DGB, so beteuert er, erschließen sich dem Leser die politische Kultur und die Wirtschaft unseres Landes. Nur vorsichtig kritisiert er das Ausblenden der Rolle der IG Metall.
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