Als er in den achtziger Jahren seine ersten Gedichte veröffentlichte - Betroffenheitspoesie und Formtradition hatten Hochkonjunktur -, wirkte Thomas Kling wie ein enervierender Fremdkörper; statt Katastrophenvorschau nun "nachtperformance, leberschäden". Von Beginn an war Sprache sein Metier, Material und Laborstoff. Klings Gedichtbände experimentieren mit ihr, und der Bogen reicht weit: Spuren von Medien- und Szene-Jargon blitzen auf. Textur für Textur werden Sprach- und Bildspuren aus verschütteten Gedächtnis-Archiven abgetragen und Vers für Vers notiert; Fotofragmente liefern fremdartige Substanzen für Sprach-Installationen und Vers-Hologramme. Es kann aber auch, wie in Klings Haiku-Experimenten, die Sprache lakonisch stillgestellt sein - allerdings nur einen Moment lang, dann werden ihre Wörter in ununterbrochenen "zungn"-Übungen erprobt, zerbröselt und zertrümmert. Die Untersuchungen dieses Hefts verdeutlichen die Konturen dieser experimentellen Dichtung. Im Mittelpunkt stehen Klings Sprach-, Sprech- und Schreibhaltungen, die Rolle der historischen Erinnerungsspuren und geografischen Räume sowie die Spiegelungen der Autor- und Dichterfigur in Gedichten und Gedichtzyklen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 31.03.2001
Zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen die Autoren dieses Text-und-Kritik-Bandes zu Thomas Kling. Lyriker-Kollege Hugo Dittberner etwa zeigt sich wenig angetan, kritisiert den "elitären ´Party-Technik´"-Charakter von Klings Lyrik. Der Autor Hermann Kinder sieht das ganz anders, nimmt "Wallungswerte" wahr und verortet Kling im Kontext einer ganzen Reihe von experimentell gesinnten Sprachkünstlern wie Franzobel, Beyer, Grünbein - und grenzt sie gegen die Vertreter neuerer deutscher Erzählprosa ab. Darüber lässt sich streiten, meint der Rezensent (Kürzel kru.), aber das ist dann auch das einzige Mal, dass er sich anders als referierend zu Wort meldet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 30.11.2000
Cornelia Jentzsch nimmt mit Freude diese Ausgabe von "Text und Kritik" zur Kenntnis, die dem Dichter Thomas Kling gewidmet ist. Jentzsch bezeichnet Kling in ihrem sehr informativen Artikel als einen "der bedeutendsten zeitgenössischen Dichter", der sich in seiner Generation wohl " am gründlichsten den historischen Tiefenschichten, dem abgelagerten Sedimentgestein in Kopf und Korpus zuwendet, der die Sprache am riskantesten den neuen Anforderungen ausgesetzt hat". Dieser Grundbeschreibung lässt die Rezensentin Diskussionspunkte einiger Beiträge folgen und verdeutlicht so, dass der Zusammenhang zwischen Geschichte, Sprache und Natur ein Kernproblem in der Lyrik Klings darstellt.
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