Immanuel Kant bestimmte die Anarchie 1798 als "Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt". Das ist zunächst nur eine Denkmöglichkeit, die mit der Welt, in der wir leben, wenig zu tun zu haben scheint. Aber sie wird unterstützt durch eine Abstimmung mit den Füßen, die in der Geschichte der Menschheit auffallend häufig gegen das Leben in Herrschaft ausfiel. Thomas Wagners radikale Revision der Demokratiegeschichte folgt diesen Füßen auf ihren vielfältigen Wegen. Bis weit in die Neuzeit hinein lebte ein großer Teil der Menschheit auch deshalb in Gesellschaften ohne Staat, weil er sich dem Zugriff der Herrschenden entziehen wollte. Erzählungen über das ungebundene Leben "edler Wilder" und "Amazonen", Freibeuter oder Beduinen regten überall auf der Welt aber auch die politische Fantasie derjenigen an, die weiter in Unfreiheit leben mussten. Die Idee der politischen Freiheit hat ihren Ursprung keineswegs allein in Europa. "Fahnenflucht in die Freiheit" macht diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt der dringenden Dekolonisierung des politischen Denkens. Es ist eine Einladung, die faszinierenden Fährten aufzunehmen und weiterzuverfolgen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2022
An "Fahnenflucht in die Freiheit" von Thomas Wagner ist einiges dran. Aber der Aufbau sei "schief und krumm". Das ist das Fazit der Rezension des Philosophen Dieter Thomä. Der Soziologe Wagner teile die Welt in Schwarz und Weiß, in Böse und Gut, Staat und Demokratie. Sein Zeitfenster von gefühlten 150.000 Jahren weise zwar einige Expertise auf, sei aber so gespickt mit Zitaten von Wissenschaftlern, die Thomä zum Teil für halbseiden hält. Zwar enthalte das Buch einige bedenkenswerte Deutungen über das Verhältnis von persönlicher Freiheit, politischem Aktivismus und staatlicher Ordnung. Aber nicht zuletzt kann Thomä dieses Buch wegen der Unversöhnlichkeit in seiner Schwarz-Weiß-Malerei nicht ernst nehmen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.09.2022
Rezensentin Katharina Döbler entdeckt mit dem Kultursoziologen Thomas Wagner anti-hierarchische Gemeinschaften und Gesellschaftsmodelle auf der ganzen Welt. Weit zurück reicht Wagners Geschichtsschreibung laut Döbler, wenn der Autor sich jahrtausendealte Fluchtbewegungen aus urbanen Zentren in Asien oder Europa ansieht. Was diese Flucht- und Freiheitsbewegungen motivierte und welches Ziel sie hatten, erklärt der Autor im Rückgriff auf die Untersuchungen David Graebers, so Döbler. Kurzweilig ist die Lektüre für sie, da Wagner immer wieder die Rolle des Wissenschaftlers gegen die des Reporters tauscht, wenn er den Nomaden in Zentralasien oder den "Freibeutern" der Meere folgt.
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